Wie politisch muss/darf Musik sein, Frau Clio?
„Musik ist ein übernatürliches Phänomen, das für uns in seiner Kraft stets unerklärlich bleibt und endlos ist. Daher sollte sie nicht von menschlichem Verständnis und Gesetzmäßigkeiten versucht gezähmt, eingeschränkt oder zensiert zu werden. Musik ist weitaus größer, als der Mensch jemals sein kann, und Musik darf und kann alles sein. Deshalb sollte sie auch frei genutzt werden können. In der Politik wie in der Liebe wie in der Suppenküche.“

Wie politisch muss/darf Musik sein, Herr Maahn?
„Musik muss erst mal gar nichts und darf alles. Für jeden kreativen Schreiber ist es wie ein Geschenk, wenn der Zauber einer neuen Melodie angeflogen kommt und ihn das erste Mal berührt. Musik hat ihre eigene Sprache. In einem meiner Albumtitel nannte ich das ‚Third Language‘. Ohne dass ein Wort fällt, sagt sie ja schon etwas, was dann allerdings sehr verschieden in unsere normale Begrifflichkeit übersetzt werden kann. So kann dieselbe Melodie ein Lovesong oder ein Anti-Kriegslied werden, je nachdem, welche Haltung, welche Bilder sie beim Texter wachruft. Ich setze mich in letzter Zeit viel mit politischen Themen auseinander, und auf meinem neuen Album ‚Sensible Daten‘ ist das bei mehreren Songs deutlich zu hören. Wut über Zustände, Ärger über Akteure oder Empathie für Benachteiligte – ich reagiere mit bissiger Poesie und beschreibe Bilder von fatalen Zusammenhängen, die mir auffallen. Dazwischen finden sich reine Liebeslieder. So ticke ich und also meine Songs. Politische Lieder haben eine lange Tradition, und es gibt 1000 gute Gründe, warum man sie schreiben kann. Es gibt auch 1000 gute Gründe, Politik in seinen Texten außen vor zu lassen, weil etwa die Inspiration dazu fehlt oder es nicht ins künstlerische Selbstverständnis passt. Bei beiden Varianten ist eigentlich nur wichtig, sich selbst treu zu bleiben, aber selbst darin liegt kein ‚muss‘, nur ein guter Kompass für die künstlerische Arbeit. Das einzige Gebot, was ich sehe, ist Musik von anderen nicht ohne zu fragen für eine politische Botschaft zu nutzen, für die sie nicht geschrieben wurde."