Ist es heutzutage noch möglich, ausschließlich vom Komponieren und Texten zu leben, Frau Eberhardt?
„Als Komponistin kann ich hier nur auf den Aspekt des Komponierens eingehen, und ich würde sagen: Ja, das ist möglich. Für jeden der Bereiche Film und Fernsehen, Theater, Songs und Schlager und E-Musik fallen mir KomponistInnen ein, die davon leben können. Oder besser gesagt, leben könnten, denn die weitaus meisten dieser KomponistInnen sind auch auf anderen Gebieten der Musik tätig: vor allem als Instrumentalisten, Dirigenten und Lehrende. Und damit stehen sie in einer langen Tradition: So war z. B. Monteverdi auch Sänger, Gambist und Kapellmeister von San Marco in Venedig, Vivaldi war auch Geiger und Musiklehrer, Bach war auch Organist und Kantor und erteilte Musikunterricht an der Thomasschule, Mozart und Beethoven waren auch Pianisten – wobei Mozart auch Klavier unterrichtete –, Clara Schumann war auch Pianistin, Robert Schumann war auch Dirigent und städtischer Musikdirektor, Brahms war auch Pianist und Dirigent, Strauss war auch Dirigent und Bartók war auch Pianist und Musikethnologe. Fazit: Durch die größeren Verbreitungsmöglichkeiten von Musik über die verschiedenen Medien und nicht zuletzt durch Verwertungsgesellschaften wie die GEMA ist es heutzutage wahrscheinlich eher möglich als früher, ausschließlich vom Komponieren zu leben. Aber für KomponistInnen, als qua Beruf umfassend ausgebildete MusikerInnen, ist es naheliegend, dass sie auch auf anderen Gebieten der Musik aktiv sind.“

Ist es heutzutage noch möglich, ausschließlich vom Komponieren und Texten zu leben, Herr Schreier?
„Die Frage kann ich natürlich nicht allgemein beantworten. Aber wenn ich auf meine vergangenen paar Jahre zurückblicke, kann ich sagen: Ja, ich konnte durchaus vom Komponieren sogenannter ernster Musik leben (und hätte auch ohne meine Unterrichtstätigkeit ,überlebt‘). Ich habe allerdings auch irrsinnig viel gearbeitet – aber das muss man in anderen Berufen ja auch. Bei mir sind da seit 2010 insgesamt fünf abendfüllende Musiktheaterwerke zusammengekommen, daneben noch einiges an Orchesterstücken, Kammermusik, Liedern. Dazu kommt dann jeweils auch noch das Herstellen der jeweiligen Aufführungsmaterialien (Klavierauszüge, Orchesterstimmen etc.). Das sagt sich jetzt im Rückblick sicherlich einfacher als es tatsächlich gewesen ist – man muss schließlich die entsprechenden Aufträge erst einmal bekommen, von all den Unwägbarkeiten und Unsicherheiten beim Zustandekommen von Projekten einmal abgesehen. An eine dauerhafte materielle Sicherheit ist in diesem Beruf – ohne Hochschulprofessur oder vergleichbare Festanstellung – nicht zu denken. Trotzdem denke ich, wir können in Deutschland froh darüber sein, dass es eine (noch) funktionierende öffentliche Kulturförderung gibt, die Stipendien und Kompositionsaufträge möglich macht. In den Institutionen wie auch beim Publikum habe ich bisher eine vergleichsweise große Offenheit für neue Musik und neue Werke erlebt. Und zum Glück gibt es Institutionen wie die GEMA und die KSK, ohne die man als freiberuflicher Komponist ganz sicher völlig aufgeschmissen wäre.“