„WIR HABEN DAS GUT HINBEKOMMEN!“

Als die Mauer am 9. November 1989 geöffnet wurde, brachte das für viele ostdeutsche Unternehmen und Organisationen große Veränderungen mit sich. Viele mussten ihren Betrieb einstellen. Auch die Anstalt zur Wahrung der Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte auf dem Gebiet der Musik, kurz AWA, wurde mit dem Einigungsvertrag aufgelöst. Die GEMA nahm ab 1990 die Urheberrechte auch für die neuen Bundesländer wahr.

Henning Gebken arbeitete insgesamt fast 33 Jahre lang in der Bezirksdirektion der GEMA in Berlin. Als die Mauer fiel, führte er als Bezirksdirektor die Berliner Bezirksdirektion der AWA mit der Direktion der GEMA zusammen. Im Interview erzählt er, wie er diese geschichtsträchtigen Jahre erlebt hat.

Herr Gebken, was ist Ihnen aus der Zeit unmittelbar nach dem Mauerfall am stärksten in Erinnerung geblieben?
Die Zeit nach dem Mauerfall war eine extrem spannende Zeit. Wir waren hier in Berlin ja quasi im Zentrum der Entwicklungen – sowohl politisch, aber eben auch bei der Frage, was aus der AWA und der GEMA werden würde. Direkt nach dem Mauerfall war völlig offen, wie es mit den beiden Organisationen weitergehen würde.

Für mich war diese Zeit im Nachhinein ein echter Glücksfall. Das alles mitten im Berufsleben mitzumachen, mit all den neuen Aufgaben und Herausforderungen, die auf mich zukamen, das war schon einmalig.

Sie erwähnen, dass es lange unklar war, was aus der AWA werden würde. Was waren für Sie die Schlüsselmomente zwischen dem 9. November 1989 und dem Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990?
In der Tat wurden zunächst mehrere Optionen diskutiert, wie es vor allem mit der AWA weitergehen könnte. Die AWA hätte ihre Arbeit gerne parallel zur GEMA weitergeführt. Auch eine Fusion mit der GEMA stand zunächst im Raum.

Im Frühjahr/Sommer 1990 gab es erste vorsichtige Kontakte zwischen GEMA und AWA. Ich kann mich unter anderem erinnern an einen Besuch in der AWA-Generaldirektion, wo ich auf Einladung der AWA-Direktoren einen Vortrag über das Tarifsystem der GEMA gehalten habe.

Die endgültige Entscheidung, wie es mit der Wahrnehmung der Urheberrechte in den ostdeutschen Gebieten weitergehen würde, fiel dann im August/September 1990, nachdem in der Beurteilung von Justizministerium und Aufsichtsbehörde die GEMA als bestehende Wahrnehmungsgesellschaft mit dem Einigungsvertrag ab 3.10.1990 auch dort zuständig wurde.

Was waren nach der Wiedervereinigung die größten Herausforderungen bei der Etablierung der GEMA in den ostdeutschen Gebieten?
Als erstes mussten wir so schnell wie möglich neue Büroräume für die Außenstellen der Bezirksdirektionen finden. In Schwerin hatten wir Glück. Dort haben wir innerhalb einer Woche neue Räume der Klemens-Gottwald-Werke anmieten können. Die Suche nach Büroräumen hat meines Wissens aber in allen neuen ostdeutschen Bezirksdirektionen gut funktioniert. Natürlich auch, weil viele Unternehmen im Osten nach der Wende in sich zusammenfielen und Räumlichkeiten frei wurden.

Neben den Büroräumen haben wir kurzfristig neue Siemens-Nixdorf-Anlagen, Autos für den Außendienst und Mobiliar für die verschiedenen Außenstellen organisiert. Für die AWA-Mitarbeiter war dann neben der Umstellung auf die Arbeit mit Computern auch das umfangreiche Tarifwerk der GEMA eine Herausforderung. Und natürlich auch, dass es viel häufiger Auseinandersetzungen mit den Kunden gab. Das waren die Kollegen aus dem Osten nicht gewohnt. 

Wie haben Sie den Übergang der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von der AWA zur GEMA erlebt? Gab es oft Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit?
Eigentlich nicht. Das lief alles erstaunlich gut. Mir als Bezirksdirektor in West-Berlin wurden die Bezirksdirektionen der AWA in Ost-Berlin und Schwerin als Außenstellen mit den dortigen Mitarbeitern übertragen. Bei den Schulungen der neuen Kollegen und auch bei der täglichen Zusammenarbeit haben wir schnell gemerkt, dass die Aufgaben grundsätzlich sehr ähnlich waren. Wir waren früh zuversichtlich, dass wir das System der GEMA schnell übertragen könnten.

Ich glaube auch, dass wir das insgesamt gut hinbekommen haben. Dass viele der AWA-Mitarbeiter einfach bei der GEMA anfangen konnten, war ja nicht unbedingt selbstverständlich. Viele Menschen aus der DDR wurden nach der Wende arbeitslos, weil ihr Unternehmen schließen musste. Mir war aber immer klar, dass wir die Mitarbeiter der AWA für die erfolgreiche Etablierung der GEMA dringend brauchen würden. Denn besonders im Außendienst ist es wichtig, Mitarbeiter zu haben, die die Leute vor Ort verstehen und sich in deren Situation hineinversetzen können.

Ab 1994 haben wir dann, soweit ich mich erinnere, auch in Ost und West die gleichen Gehälter gezahlt. Da war die GEMA in meinen Augen sehr fair.

Wie war der Übergang von der AWA zur GEMA für die Urheber?
Nachdem die GEMA die Wahrnehmung der Rechte im Osten übernommen hat, bekamen die AWA-Bezugsberechtigten einen Mitgliedsantrag der GEMA zugeschickt und wurden eingeladen, bei uns Mitglied zu werden. Ein Großteil trat der GEMA dann auch bei. Und trotzdem gab es natürlich auch Bedenkenträger und negative Reaktionen von Seiten der Urheber. Einige der Urheber aus dem Osten hatten die Befürchtung, dass sich das System der GEMA nachhaltig auf ihre Tantiemen auswirken könnte. Und auch bei manchen westdeutschen Urhebern gab es Zweifel, ob man nicht zu viel der Tantiemen an die neuen Mitglieder abgeben müsste.

Die GEMA hat daraufhin nach der ersten gemeinsamen Mitgliederversammlung 1991 im Februar 1992 zu einem Mitgliedergespräch in Dresden eingeladen, bei dem genau diese Bedenken adressiert wurden. Das war in meinen Augen eine sehr wichtige Veranstaltung. Danach wuchs die Organisation relativ problemlos zusammen.

 

Herr Gebken, vielen Dank für das Interview.