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„Liebe, Wärme, Wohlklang“

Prof. Karl Heinz Wahren, Ehrenmitglied der GEMA, feierte am 28. April seinen 85. Geburtstag. Prof. Christian Bruhn gratuliert dem großen Komponisten, dessen Musik „liebenswürdig“ sei – „würdig, geliebt zu werden“.

Schon wieder findet ein wichtiger Geburtstag eines unserer bedeutenden GEMA-Mitglieder statt und schon wieder hat man mich gebeten, einige freundliche Worte beizusteuern. Nur: Warum eigentlich einen überzeugten U-Musik-Komponisten, der zwar mit zwölf Tonarten arbeitet, aber zur Zwölftonmusik ganz bewusst Abstand hält? Das liegt vermutlich an einer langjährigen Freundschaft zwischen dem Schöpfer sogenannter Ernster Musik zum einen und dem Unterhaltungsfuzzi zum andern. Hat doch der E-Tonsetzer große Sympathien für große Teile der U-Musik wie Big-Band-Sound und Jazz, und ist doch der U-Komponist mit klassischer Musik erzogen, gelehrt und gebildet worden. Musik, die er nach wie vor inbrünstig verehrt. Und schauen doch beide gern über den Tellerrand der Tonkunst, wobei sich vielfältige Gesprächsthemen auftun wie des E-Mannes besondere Geschichtskenntnisse oder des U-Buben Vorliebe für Literatur.

Was mich bei manchen E-Kollegen wirklich stört, ist die Verwendung von Dissonanzen, die es Sängern manchmal schier unmöglich machen, die richtigen Töne zu treffen, ist die oft strikte und kaum nachvollziehbare Abwendung vom Kulinarischen, ist die manchmal fast halsstarrige Negierung des Wohlklangs.

Karl Heinz Wahren hat  am 28. April 2018 sein 85. Lebensjahr vollendet, ein erfülltes Leben voll origineller Musikideen, gesegnet mit überragendem Talent sowie drei prächtigen Kindern!

Und nun zur Musik des Karl Heinz Wahren. Musik, die mich interessiert, mich packt und mich etwas angeht. Wahren versteht es, die innovativen Tonfolgen, die sich scheinbar gänzlich von der überkommenen Harmoniemusik gelöst haben, so geschickt zu verwenden, dass gleichwohl ein sinnlicher und eben nicht verstandgesteuerter Klang entsteht, der das Herz rührt und die analytische Neugier weckt.

„Über das Behagen beim Musikhören“ hat er geschrieben, und dieses Behagen stellt sich in der Tat ein, wenn man seiner Musik lauscht: Hier herrscht keine kopfige Dissonanzenschlacht, sondern Liebe, Wärme, Wohlklang, gesitteter Kontrapunkt, naives Ungestüm sowie eine gewisse herzhafte Redlichkeit. Seine Musik ist mitreißend, kraftvoll, rätselhaft aber gleichwohl verstehbar, sie hat das Schalkhafte des Rokokos und die Faszination der Moderne.

Karl Heinz Wahren wurde in Bonn geboren, wuchs aber in Gera (Thüringen) auf. Er studierte Musik in Westberlin (Abschlussexamen 1961), studierte weiter bei Prof. Josef Rufer (Berlin) und Karl Amadeus Hartmann (München). 1965 gründete er die „Gruppe Neue Musik“ in Berlin. Seine Auszeichnungen: 1969 Rompreis (1 Jahr Villa Massimo), 1970 Preis des Rostrum of Composers (Unesco Paris) für die Orchesterkantate „Du sollst nicht töten!“, 1978 Förderpreis der Berliner Akademie der Künste, 1994 Bundesverdienstkreuz, 2001 GEMA-Ehrenring, 2003 Werner-Egk-Medaille, 2003 GEMA-Ehrenmitglied, 2003 Honorarprofessor an der Hochschule für Musik und Theater in München, 2004 Ehrenpräsident des Deutschen Komponistenverbandes.

Das musikalische Schaffen Karl Heinz Wahrens lässt sich in seiner übergroßen Vielfalt und Bandbreite kaum umfassend schildern, geschweige denn würdigen. Alle Gattungsbereiche sind vertreten: Opern, Orchesterwerke, Kammermusik, Klaviermusik, Chorwerke, Filmmusiken und Jazz. Darunter sind weit über 60 Kompositionen für Kammerensemble, über 20 Orchesterwerke und die drei höchst erfolgreich aufgeführten Opern „Fettklößchen“ nach Maupassant (Deutche Oper Berlin 1976), „Goldelse“ (Berliner Festwochen 1987) und „Galathee, die Schöne“ frei nach Franz von Suppé (Deutsche Oper Berlin 1995).

Die Orchesterwerke Wahrens wurden als Rundfunkaufführungen in über 40 Ländern weltweit gesendet, Kammermusik-Aufführungen fanden in den meisten europäischen Ländern statt, zudem in USA, Südamerika, Australien und Japan.

Wahrens Musik ist einfühlsam und handwerklich perfekt gemacht, das Nicht-akademische, Nicht-Serielle, das Versöhnliche, das Direkte, Nicht-Prätentiöse, manchmal gar anheimelnd Zutrauliche nimmt auch Musikliebhaber gefangen, die sonst Neuer Musik eher zögerlich gegenüberstehen. Seine Musik ist – im wahrsten Sinne des Wortes – liebenswürdig, will sagen, würdig, geliebt zu werden.

Und immer noch ist er frohgemut und voll Energie tätig: 2016 entstand das „Requiem für Flöte und Orchester“ und gerade erst wurde die „Rostocker Jubiläumskantate“ vollendet und mit seiner klaren Notenschrift fixiert.

Lieber Karl Heinz Wahren, lass es Dir gut gehen, bleib gesund und positiv und schenke uns noch viel von Deiner Musik!

Dein Christian Bruhn