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Newsletter 01.09.2017

Textdichter - Im Off der Selfie-Zone

Ein Gastbeitrag von Lukas Hainer.

Ein weiß gestrichener Raum mit dezenten Absorbern an den Wänden, darin ein Schreibtischstuhl vor Laptop und Boxen, ein Midi-Keyboard und ein Mikrofon auf einem Stativ. Am Laptop sitzt ein „Tracker“, der entweder geschäftig klickt oder auf einem von gefühlt tausend Instrumenten gniedelt, die er beherrscht, während sich auf dem Bildschirm farbige Blöcke bilden. Am Mikrofon steht eine „Toplinerin“, die eifrig mit dem Kopf nickt, sich aus den Sphären „Hooks“ angelt, und diese dem Mikrofon anvertraut, bevor sie eine Chance haben, sich wieder zu verflüchtigen.

Und in dem puristisch eingerichteten Raum gibt es noch etwas zu entdecken: ein kleiner Couchtisch an einem Zweier-Sofa. Dort sitzt ein „Texter“ gerade außerhalb der Selfie-Zone. Er starrt den Bildschirm seines eigenen Laptops an, die Hände auf der Tastatur, als müsse er allzeit bereit sein, die eine Titelzeile einzufangen, nach der er sein Hirn durchforstet. Als könne diese Zeile sich sonst wieder in Buchstaben auflösen und im Äther verloren gehen.

Es bestimmt den Alltag von uns „Textern“, dass unsere Arbeit am Rande der Wahrnehmung stattfindet. Wenigstens die Songtexte hat Interpret xy doch wohl selbst geschrieben? Das stand doch auch so im Pressetext und im Interview! Bei solcher Lorbeeren-Umverteilung zucken wir schon kaum mehr zusammen, allerdings schon, wenn öffentlich von den Rechten der Komponisten gesprochen wird, die von der GEMA vertreten werden. „Musikautoren“, protestiert es dann in uns, „da gehören wir doch auch dazu.“ Im Übrigen zuckt es auch beim Wort Texter. Korrekterweise sind wir nämlich von Beruf Textdichter, so unterscheidet man uns nämlich von den zumeist Nichtreimern der Werbebranche. Darauf zu beharren mag auf manche einen affektierten Eindruck machen, aber ein gewisses Maß an Affektiertheit scheint mit unserem Berufsstand als Künstler oder zumindest Kunsthandwerker Akzeptanz zu finden.

Wenn einmal die Sprache auf uns kommt, so bleiben meist die Selbstaufführer im Fokus. Diese stehen als Liedermacher, Kabarettisten, Singer/Songwriter oder Rapper mal ganz oben, mal weitab der Charts, aber immer im Rampenlicht. Wir Fremdschreiber networken uns dagegen hinter der Bühne durch die Branche, denn wir sind nun mal per se abhängig: von der Einladung zur nächsten Session oder noch besser gleich dem Produzenten/Komponisten, der unsere Texte vertont oder dessen Demos wir betexten. Dem Produzenten/Komponisten, der immer einen Schritt näher an der Quelle sitzt und dort seine Aufträge erhält, und auf dessen Loyalität und Wertschätzung wir angewiesen sind, so wie er auf die der Plattenfirma. Zugleich sind wir aber auch wunderbar unabhängig, denn keine hohen Betriebsausgaben hängen uns am Bein und unsere Arbeit können wir über Interpreten und Genres streuen, und uns über jedes Pflänzchen freuen, das gedeiht.

Der Textdichter auf der Zweier-Couch sucht derweil in seinem Zeilen-Archiv, seinem ganzen Schatz, und nebenbei aus dem Augenwinkel auch in Spotify-Listen „sprachnaher“ Künstler nach Inspiration. Er ertappt sich bei der abschweifenden Frage, was seine Arbeit heute eigentlich noch wert ist. Das ist kein Gedanke, den er sich machen möchte, aber die bekannten Rechenspielen zu Streams und Klicks gehen auch an ihm nicht spurlos vorüber. Falls der Song veröffentlicht wird, an dem das Trio gerade strickt, wird er dann überhaupt seine Fahrtkosten und das Mittagessen von den Tantiemen bezahlen können? Das ist nur bei einem Interpreten wahrscheinlich, der selbst schon einen gewissen Bekanntheitsgrad mitbringt.

In diesem Moment bleiben seine Augen an etwas hängen. Etwas aus seinem Schatz, durch den er gerade scrollt. Das ist doch was … da kann man doch … Er spielt weiter mit den wenigen Worten herum, und als er sagt: „Ich hätte da vielleicht was …“, und seine Idee äußert, als die Toplinerin das gemeinsame Resultat in einen bunten Baustein auf dem Bildschirm des Trackers verwandelt, da spürt das Trio, dass es stimmt. Und während der entstandene Ohrwurm noch den ganzen Abend im Kopf des Textdichters seine Kreise zieht, spürt er da wieder diesen Kitzel. Vielleicht ist es einer von denen. Einer, der ihm in ein paar Monaten aus dem Radio entgegenschallt. Einer, der nach der ersten Woche nicht fällt, sondern steigt, und bei dem die Leute große Augen machen: „Den hast du geschrieben?“

„Mitgeschrieben …“, hört er sich bescheiden lächelnd sagen, und dann setzt er sich noch einmal an seinen Laptop, um die Lücke zu schließen, die er während der Session in seinen Schatz gepflückt hat. Er nimmt die Einfälle wie sie kommen, jede knackige Zeile kann er brauchen, denn morgen schreibt er mit einer jungen Band, übermorgen ist Pop dran und das nächste Schlager-Briefing kommt bestimmt, und irgendwie ist das genau die Mischung, die den Reiz dieser Branche ausmacht.

 

Zur Person
Lukas Hainer ist Textdichter, Autor, und Komponist. Als selbstständiger Songwriter arbeitet er seit 2009. 2013 erfolgte die Berufung in die Jury der Celler Schule und 2015 die Nominierung für den Deutschen Musikautorenpreis. Mehr als 2,5 Millionen verkaufte Tonträger mit Santiano und weitere Gold- und Platinauszeichnungen (z.B. mit Oonagh, Kerstin Ott, Faun, Voxxclub) hat er vorzuweisen. Seit Mai 2017 ist Lukas Hainer Mitglied im Vorstand des Deutschen Textdichterverbands.