"Kreativität bedeutet für mich Freiheit"

Interview mit Hannah Stienen

Zum Auftakt unserer Reihe sprachen wir mit Hannah Stienen. Sie ist eine Singer/Songwriterin aus Essen. 2014 war sie Finalistin der TV-Show „Dein Song“ und teilt seitdem ihre Musik auf großen und kleinen Bühnen in ganz Deutschland. Tiefgehende Texte und Melodien mit Ohrwurmcharakter erzählen aus Hannahs Leben. Inzwischen studiert sie Musik an der Folkwang Universität der Künste in Essen und veröffentlichte im Sommer 2019 ihr Debütalbum „Loslassen“.

GEMA: Du bist Musikerin - was bedeutet es Dir, Künstlerin zu sein?
Hannah: Wahnsinnig viel. Ich bin super dankbar dafür, dass ich Künstlerin sein kann. Musik hat mir schon als Kind viel bedeutet. Ich kann mir keinen Tag ohne Musik vorstellen. Die Musik hat mir auch schon durch schwierige Zeiten geholfen. Wenn ich mir vorstelle, dass meine Musik dem einen oder anderen hilft, wie sie mir geholfen hat, dann ist das ein wunderschönes Gefühl.

GEMA: Du bist auf YouTube, Instagram und Facebook und Du hast eine eigene Website. Dadurch bist du sehr sichtbar. Wie wichtig ist diese Sichtbarkeit für Deine Arbeit und für Dich als Person?
Hannah: Als Musikerin oder Künstlerin ist es sehr wichtig, sichtbar zu sein und im Internet gefunden zu werden. Die beste Kunst kann nicht verkauft werden, wenn sie keiner sieht. Das ist nun mal so. Es ist schön, Musikerin zu sein, aber es ist auch ein Business und da ist Sichtbarkeit das A und O.

"Es ist nicht so, dass ich zwischendurch singe, einen Song schreibe und dann ist alles fertig."


GEMA: Du nimmst Deine Follower bewusst mit hinter die Kulissen und zeigst, was es bedeutet, Musik zu produzieren. Warum ist das so wichtig?
Hannah: Ich glaube, es ist wichtig, den Menschen zu zeigen, wie es hinter den Kulissen aussieht, um ein besseres Verständnis für den Beruf zu vermitteln. Es ist nicht so, dass ich zwischendurch singe, einen Song schreibe und dann ist alles fertig. Hinter jedem Projekt steckt wahnsinnig viel Arbeit, die viele Menschen gar nicht sehen oder auch nicht sehen können, weil sie sich nicht damit beschäftigen oder weil es nicht gezeigt wird. Ich denke, je mehr die Menschen sehen, was alles notwendig ist, desto mehr Menschen können den Beruf entsprechend wertschätzen. Die meisten finden es super spannend einen Einblick zu bekommen.

GEMA: Während des Corona Lockdowns hast Du ein Konzert von zu Hause gegeben. Wie war das für Dich?
Hannah: Es war total ungewohnt (lacht). Aber es war schön. Momentan stehen bei mir gar keine öffentlichen Live-Auftritte an und dieses Online-Konzert war quasi die Kompensation für mich. Und ein Vorteil ist, dass Follower aus ganz Deutschland oder auch aus der Schweiz und Österreich zuschauen konnten. Nicht wie sonst, wie es oft bei Konzerten ist, dass es sich auf einen recht kleinen Kreis konzentriert, nämlich die, die in der Nähe wohnen. Online hatte jeder die Möglichkeit zuzuschauen. Das ist ein schönes Gefühl, wenn ich merke: da ist jemand aus München, einer aus der Nähe von Wien und alle verbindet die Musik – meine Musik. Somit war es ungewohnt, aber trotzdem sehr schön.

GEMA: Also hat sich der Aufwand gelohnt?
Hannah: Was den Aufwand für solche Online-Konzerte angeht, sind sie nicht weniger anspruchsvoll als Live-Konzerte. Wenn ich mir vorstelle, dass ich sonst zur Konzert-Location fahre, die Technik schon vor Ort ist und ich „nur noch“ auf die Bühne gehe – vorher noch einen Soundcheck habe – dann ist das für mich als Künstlerin ein überschaubarer Aufwand. Pauschal gesagt, ich fahre zur Location und nach dem Konzert wieder Heim – um alles andere kümmern sich viele Menschen hinter den Kulissen. Beim Online-Konzert haben wir alles selbst gemacht, von Aufbau, Soundcheck, Klären technischer Probleme etc. Dann stand soweit alles, das Konzert dauerte ca. 1,5 Stunden und anschließend mussten wir aber alles selbst abbauen. Weniger Aufwand ist es also auch nicht.

GEMA: Wie lange brauchst Du für das Schreiben eines Songs, von A-Z?
Hannah: Es kommt darauf an, ob es um das reine Song-Schreiben geht, oder ob der Song auch direkt produziert wird. Wenn ich einen Song schreibe, dann kann das sogar recht schnell gehen. Gerade, wenn ich einmal ein Thema gefunden habe, was mich wirklich bewegt und zu dem ich etwas zu sagen habe, dann schreibe ich drauf los und meistens passt es dann. Es gibt aber auch Songs, die ich etwas ruhen lasse und Tage oder Wochen später wieder aufgreife.
Wenn ich aber einen Song so aufnehmen und veröffentlichen möchte, so dass andere ihn hören können, dann kommen da ein paar Arbeitstage mehr hinzu. Dann muss ich mich um das Arrangement, die Produktion und, und, und, kümmern.

GEMA: Was ist der emotionale Wert für Dich, wenn Du an Deine Songs denkst?
Hannah: Meine Songs bedeuten mir unglaublich viel. Meine Songs sind eine Art Tagebuch. Ich erzähle immer Geschichten aus dem Leben, aus meinem Leben oder aus dem Leben von Freunden. Mit jedem Song verbinde ich ein Ereignis, eine Geschichte, eine Emotion. Das ist natürlich etwas, das mir sehr viel bedeutet. Ich möchte die Songs, die mir wirklich gut gefallen, meistens für mich behalten. Ich kann mir zwar sehr gut vorstellen, für andere Künstler Songs zu schreiben, mit anderen Künstlern Songs zu schreiben, aber das ist ein sehr persönlicher Prozess.

"Musik kann sich nur entwickeln, wenn etwas Neues gewagt wird."


GEMA: Was sagst Du den Menschen, die selbst kreativ sein wollen und sich nicht trauen?
Hannah: Einfach machen. Es gibt vor allem bei Kreativität meiner Meinung nach kein Richtig und Falsch. Es werden immer wieder neue Künstler oder neue Musikrichtungen gefeiert. Musik entwickelt sich dauerhaft. Und Musik kann sich nur entwickeln, wenn etwas Neues gewagt wird. Daher empfehle ich, von den eigenen Ansprüchen, oder Ansprüchen anderer, Abstand zu nehmen und einfach auszuprobieren. Die ersten Inhalte, die Ihr kreiert, müssen keine Hits oder große Meisterwerke sein. Jeder fängt klein an, Hauptsache, Ihr habt Spaß dabei.

GEMA: Wirst Du von Musik langfristig leben können?
Hannah: Momentan fällt es mir schwer das einzuschätzen. Aktuell weiß ich leider einfach nicht, wie es mit der Musik- und Veranstaltungsbranche weitergeht. Das ist eine spezielle Situation. Ich denke, dass Künstler von Musik generell gut leben können. Es ist immer eine Frage: Was kann ich machen? Was möchte ich machen? Und was brauchen die anderen? Selbst, wenn ich aus Leidenschaft Musikerin bin, ist es wie bereits gesagt, immer noch ein Business und darüber sollte sich jeder im Klaren sein. Wenn es darum geht, ob ich von meiner eigenen Musik leben kann, dann weiß ich das nicht genau. Das ist natürlich mein großes Ziel. Ich gebe mein Bestes. (lacht)

GEMA: Last but not least drei kleine Fragen. Intuitiv, ohne lange zu überlegen. Und los geht’s:
Inspiration finde ich…

Hannah: …immer, überall.

GEMA: Kreativität ist für mich...
Hannah: …Freiheit.

GEMA: Als Musikerin ist mir wichtig, dass...
Hannah: ...ich Menschen berühre.