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Aktuell 18.05.2017

„Wir wollen Lust auf musikalische Entdeckungen machen“

Der Radiokulturpreis, den die GEMA seit 2015 verleiht, geht in diesem Jahr an hr2-kultur und SWR4. Angelika Bierbaum, Programmchefin von hr2-kultur, im Interview über die kulturelle Bedeutung des Radios, die Würdigung musikjournalistischer Arbeit und den Spagat zwischen „klassischem“ Kulturradio und Genrevielfalt.

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem Radiokulturpreis?
Die Auszeichnung mit dem Radiokulturpreis bedeutet uns sehr viel, vor allem aus zwei Gründen. Sie ist zum einen die Anerkennung einer Programmstrategie, die wir aus voller Überzeugung seit vielen Jahren verfolgen: konsequente Nähe zum hessischen Musikleben. Zum anderen sehen wir den Preis auch als Auszeichnung für unser Musikrepertoire, das sich sowohl von Populärwellen, als auch von rein klassikgeprägten Kulturradios unterscheidet.
Wir sind das Kulturradio einer Landesrundfunkanstalt und damit dem Land – also Hessen – und seiner Kultur in besonderem Maße verpflichtet. Dementsprechend nah sind wir am hessischen Kultur- und Musikleben. Es vergeht kein Tag in unserem Programm, an dem wir nicht über Konzerte in Hessen berichten, auf sie hinweisen oder sie gar ausstrahlen, sei es live oder als Aufzeichnung. Eine unserer ältesten Sendungen, die wöchentliche „Musikszene Hessen“, hat im Laufe der Jahre kontinuierlich an Sendezeit hinzugewonnen. Vor allem die journalistische Begleitung des hessischen Musiklebens haben wir sehr ausgeweitet und ins Tagesprogramm integriert. Darüber hinaus finden auch weitere Musikthemen regelmäßig ihren Weg ins Programm, da Musik für unsere Hörerschaft ein großes Thema ist. Wir versuchen, Lust auf musikalische Entdeckungen zu machen.
Klassik ist nach wie vor unser musikalisches Steckenpferd, und Jazz hat ebenso wie Neue Musik schon immer fest zu dazugehört. In den letzten Jahren haben wir jedoch zunehmend unser Programm geöffnet. Aus Klassik, Jazz, Filmmusik, Singer/Songwriter, Chanson, gehobenem Pop und populären Weltmusiktiteln haben wir unser spezifisches Musikrepertoire zusammengestellt – mit großer Sorgfalt und handverlesen. Durch diese musikalische Öffnung erreichen wir ganz offensichtlich zunehmend mehr Menschen. Dennoch hat die klassische Musik natürlich genauso ihren Platz in hr2-kultur.

Die GEMA verleiht den Radiokulturpreis seit zwei Jahren anhand der GEMA-Kulturfaktoren. Diese beinhalten unter anderem den Anteil Ernster Musik, den Anteil redaktioneller Beiträge mit Musikbezug und die Musikvielfalt insgesamt. Der Radiokulturpreis ist insofern in Deutschland einzigartig. Hat solch ein Preis der deutschen Radiolandschaft gefehlt?
Definitiv. Wir bei hr2-kultur wurden wahrlich schon mit vielen Preisen ausgezeichnet – bislang jedoch fast ausnahmslos für unsere Wortsendungen. Es gibt renommierte Hörbuch- und Hörspielpreise und Preise für journalistische Beiträge; im Musiksektor sind es dann allenfalls Preise für künstlerische Musikproduktionen oder avantgardistische Musikaufnahmen. Dabei macht Musik mehr als die Hälfte unseres Programmes aus – in der Gunst des Publikums spielt sie eine mindestens genauso große Rolle wie das Wort, wenn nicht sogar eine größere. Und in das Musikprogramm stecken wir natürlich genauso viel Arbeit und Gehirnschmalz wie in das Wortprogramm. Deshalb ist der Radiokulturpreis als Anerkennung der Leistungen im musikalischen Bereich einzigartig und für Kulturradiomacher besonders wertvoll.

Die Jury hebt in ihrer Begründung besonders hervor, dass hr2-kultur ausschließlich Repertoire jenseits des Mainstreams sendet. Wie würden Sie die Kriterien beschreiben, nach denen Sie Ihre Musik auswählen?
Ich möchte versuchen, das differenziert zu beantworten. Grundsätzlich haben wir uns Musikstilen verschrieben, die in den Populärwellen nicht verankert sind: Allem voran Klassik, aber ebenso Jazz, Neue Musik, Filmmusik, Chanson, Singer/Songwriter, Fado, Klezmer, Latin, gehobener Pop, populärere Weltmusik und auch Musik, die unter dem schillernden Begriff „Crossover“ gefasst wird. Unser Repertoire setzt sich also zusammen aus Musikstilen, die – vereinfacht ausgedrückt – abseits des Mainstreams einzuordnen sind. Bei der Auswahl der einzelnen Stücke spielt Qualität eine große Rolle. Da wir ein Medium sind, das in vielen unterschiedlichen Alltagssituationen gehört wird, wählen wir aus unserem Repertoire je nach Tageszeit auch unterschiedliche Musik aus. Ein klassikbasiertes, aber reichhaltig aufgefächertes Musikrepertoire bestimmt unsere Kulturmagazine am Morgen und am Nachmittag. Eine besondere Musiksendung haben wir für die klassische Feierabendsituation am frühen Abend konzipiert: die „Hörbar“ unter dem Motto „Musik grenzenlos“ bei viel Musik und wenig Wort. Titel unterschiedlicher Stile stehen mit gut ausgehörten Übergängen nebeneinander. Das erlaubt ein ganz besonderes Musikerlebnis, öffnet die Ohren und lässt viele Neuentdeckungen zu. Sehr oft bekommen wir von Hörern rückgemeldet, dass sie über diese Sendung das Kulturradio entdeckt haben. Die musikalische Vielfalt jenseits des Mainstreams ist ein wertvolles Potential für das Kulturradio.
In den reinen Klassikzeiten spielen wir sowohl bekannte als auch weniger bekannte Klassik, gleichermaßen als ganze Werke oder auch in Ausschnitten. Tagsüber senden wir von CDs oder Eigenproduktionen mit dem hr2-Sinfonieorchester, während die Abende überwiegend unseren vielen Konzertübertragungen aus Hessen, Deutschland und dem Rest der Welt vorbehalten sind. Wir nutzen auch stark das Konzertangebot der Europäischen Rundfunkunion EBU – das ist eine der Stärken des öffentlich-rechtlichen Radios. Auch Opern senden wir regelmäßig, allerdings legen wir auch hier Wert darauf, etwas zu bieten, was sich der Hörer nicht einfach im Laden kaufen kann. Das heißt: Wir übertragen live aus der MET in New York, aus anderen internationalen Opernhäusern, aber auch von allen fünf hessischen Opernbühnen (Darmstadt, Frankfurt, Gießen, Kassel, Wiesbaden).

Sie übertragen regelmäßig Konzerte des hr-Sinfonieorchesters. In Zeiten, in denen die Finanzierung für immer mehr Orchester gestrichen wird: Wie wichtig ist diese Form der Musikförderung?
Unsere Klangkörper erfahren eine hohe Wertschätzung im Hessischen Rundfunk, was in der Tat heutzutage nicht selbstverständlich ist. Aber ihre besondere Rolle, vor allem für das Kulturleben in Hessen, sowie ihre hohe Qualität, werden wahrgenommen. Das ist gut so. Sie sind wichtige Kulturträger – und dementsprechend haben sie auch einen immens hohen Stellenwert in hr2-kultur. Sowohl das hr-Sinfonieorchester als auch die hr-Bigband sind Spitzenorchester mit internationaler Reputation. Es ist für uns selbstverständlich, dass wir nicht nur ihre Konzerte und Produktionen senden, sondern sie auch intensiv journalistisch begleiten. Für das hr-Sinfonieorchester haben wir wöchentlich zwei lange Abendtermine für Konzerte, eine wöchentliche zweistündige Sendung mit Gesprächen und Berichten zu den aktuellen Konzerten, immer wieder kurze Berichte im Tagesprogramm sowie noch eine Klassikzeit am Sonntag. Auch die hr-Bigband hat einen festen wöchentlichen Sendeplatz. Mit all diesen Aktivitäten bringen wir die Klangkörper auch zu denen, die die Konzerte aus welchen Gründen auch immer nicht persönlich besuchen können.