, Die GEMA

ALLES, WAS MIT KÜNSTLICHER INTELLIGENZ ZU TUN HAT, IST HOCHGRADIG RELEVANT FÜR DIE GEMA

Dr. Markus Grimm, IT-Direktor der GEMA, über die Flut von Daten, die ohne künstliche Intelligenz nicht so schnell zu bearbeiten wäre – und die Kreativität eines Menschen, die eine Maschine nie wird erreichen können


Dr. Markus Grimm ist seit 2011 bei der GEMA. Der gebürtige Heilbronner ist Spezialist für komplexe internationale Abrechnungssysteme. Er studierte Physik in Stuttgart und entdeckte schon an der Universität sein Interesse an der Informations- und Datenverarbeitung. Bei der Württembergischen Hypothekenbank war er nach der Promotion für die technische Infrastruktur zuständig und wurde Abteilungsleiter IT und Organisation. Im Zuge der Fusion der Bank verantwortete er die Konsolidierung der internationalen Rechenzentren und die Umstellung auf SAP. 2007 wechselte er als Chief Information Officer zu XELLA International und ging von dort zum DKV Euro Service, einem Anbieter für Tank- und Servicekarten, bei dem er 2008 die Leitung der IT übernahm. 2010, 2014 und 2016 kam Dr. Markus Grimm bei der Wahl zum „CIO des Jahres“ auf Platz vier.

HERR GRIMM, WENN ES UM DAS THEMA DIGITALISIERUNG GEHT, DENKEN VIELE IN ERSTER LINIE AN IT. WIE LEBT ES SICH MIT DIESER VERANTWORTUNG?

Richtig ist, dass die Digitalisierung sehr stark durch die technologischen Entwicklungen in der IT getrieben ist, sie schafft die Basis für digitale Entwicklungen, z. B. Vernetzung von Maschinen oder Geräten mit dem Internet of Things, kurz IoT. Die größte Verantwortung heutzutage liegt meines Erachtens aber im Umgang mit all diesen Technologien. In meinen ersten Berufsjahren gab es drei oder vier klassische Technologien, die man beherrschen musste, um in der IT gut zurande zu kommen. Doch die Entwicklungsgeschwindigkeit hat enorm zugenommen. Inzwischen kommen beinahe täglich drei bis fünf neue Technologien hinzu, die man sich zumindest mal angucken muss – auch um zu entscheiden, welche davon irgendwann relevant sein könnte. Alleine das ist schon eine große Verantwortung. Aber Digitalisierung ist kein reines IT-Thema. Vielmehr trifft es jeden Geschäftsbereich, weshalb die Zusammenarbeit mit den Fachbereichen entscheidend ist. Dies gilt im Besonderen für die GEMA. Wir müssen uns gemeinsam dem Thema Digitalisierung stellen.

WELCHE DIGITALEN TECHNOLOGIEN FINDEN DENN SCHON HEUTE ANWENDUNG BEI DER GEMA?

Alles, was mit künstlicher Intelligenz – d. h. eigenständigen, lernenden Problemlösungen durch Computer – zu tun hat, ist hochgradig relevant für die GEMA. Nehmen wir das Matching. Wir erhalten täglich Unmengen von Musiknutzungsmeldungen. Diese müssen wir verarbeiten, den Musikwerken korrekt zuordnen und daraus für die Verteilung die richtigen Schlüsse ziehen. Aktuell haben wir schon intelligente, digitale Suchalgorithmen im Einsatz, um diese Datenvolumen zu verarbeiten. Wir versprechen uns aber durch die Nutzung von neuronalen Netzen im Matching noch einen deutlichen Sprung in der Verarbeitungsgeschwindigkeit. All das hat sehr viel mit Data Analytics zu tun.

DATA ANALYTICS, KÖNNEN SIE UNS DAS KURZ ERLÄUTERN?

„Daten sind das neue Gold.“ Es geht darum, aus abstrakten Daten wiederkehrende oder vergleichbare Muster zu erkennen und diese so aufzubereiten, dass man sinnvolle Schlüsse daraus ziehen kann. In den Daten und der Verknüpfung von Daten, die allgemein verfügbar sind, lassen sich durch eine gute Aufbereitung Muster erkennen, aus denen man sinnvolle Schlüsse ziehen kann, z. B. die räumliche Verteilung der Inkassovorgänge in Kombination mit der Bevölkerungsverteilung. Für unsere Mitglieder werden wir aus diesem Bereich schon sehr zeitnah einiges anbieten können, beispielsweise das „Dashboard“, das wir für 2019 planen, eine digitale Benutzeroberfläche, auf der relevante Services, Programme und Informationen übersichtlich zusammengestellt sind. Als GEMA müssen wir hier eindeutig mehr investieren, um Prozesse oder Services verbessern zu können.

BLOCKCHAIN, UM NOCH SO EIN SCHLAGWORT ZU NENNEN, HAT IN JÜNGSTER ZEIT ETWAS AN DYNAMIK VERLOREN. IST DAS THEMA FÜR DIE GEMA RELEVANT?

Der Hype hat sich in der Tat etwas abgekühlt, aber für die GEMA bleibt das Thema Blockchain relevant, insbesondere deshalb, weil die Blockchain- Technologie es erlaubt, die Anzahl der Beteiligten in einer Wertschöpfungskette zu reduzieren, beispielsweise die Banken im Zahlungsverkehr oder auch Verwertungsgesellschaften zwischen Musik-Erzeugung und -Nutzung. Jedoch ist die Technologie dahinter, zumindest jetzt, für unsere Anwendungsfälle in der Musikwirtschaft noch nicht weit genug entwickelt, um die Datenmengen in ausreichender Geschwindigkeit verarbeiten zu können. So dauert eine Transaktion im Bitcoin- Netzwerk einige Minuten. Diese Geschwindigkeit würde bei einer GEMA-Verteilung bei Weitem nicht ausreichen. Momentan ist noch nicht klar, ob dieses inhärente Blockchain-Problem gelöst werden kann, daher hat sich der Hype um Blockchain in der Musikindustrie inzwischen etwas abgekühlt.

ÜBER WELCHE DATENMENGEN SPRECHEN WIR DENN?

Bei der GEMA bewegen wir uns heute schon im Pentabyte-Bereich. Megabyte und Gigabyte kennt eigentlich noch jeder. Eine Musik-CD hat ungefähr 600 Megabyte, eine DVD in hoher Qualität etwa 4 Gigabyte. 1024 Gigabyte sind dann ein Terabyte. Die Daten, die wir heute bei der GEMA gespeichert haben, liegen bei einem Pentabyte, also mehr als einer Million Gigabyte oder 1024 Terabyte.

DAS IST JETZT SEHR ABSTRAKT.

(Lacht) Ja, aber Realität! Nehmen wir zum Vergleich den Handel mit Bitcoins, der basiert auf der Blockchain-Technologie, ist also im größeren Stil schon tatsächlich im Einsatz. Hier sprechen wir von Datenmengen, die in einer Größenordnung von 200, 300 Gigabyte liegen, also deutlich kleiner als bei uns. Eine einzige Transaktion bei Bitcoin dauert Minuten. Im Bereich der Sendungsmeldungen, wo wir für eine Rundfunkverteilung einige Millionen Datensätze pro Verteilung verarbeiten müssen, darf eine solche Transaktion nicht mal zehn Minuten brauchen. Dann würde ja alleine der Verteilungslauf ein halbes Jahr benötigen.

UNDENKBAR. WIR WOLLEN DIE ABRECHNUNGSZYKLEN JA EHER VERKÜRZEN ALS VERLÄNGERN.

Genau, und das ist auch der Pferdefuß. Die Performance der Blockchain ist für unsere Zwecke noch nicht ausreichend entwickelt. Das liegt vor allem an den Verschlüsselungsmöglichkeiten. Je mehr Daten, desto aufwendiger ist die Verschlüsselung. Zudem gibt es heute auch noch keine richtige Lösung, um größere Datenmengen schneller zu verarbeiten. Aber auch das werden in einigen Jahren neue Technologien leisten können. Dann kann das Thema für die GEMA wieder relevant werden.

 

IST DIE IT DER GEMA DANN AUCH ENTSPRECHEND AUFGESTELLT?

In der IT, genauer gesagt in der IT4IPM, der IT-Tochter der GEMA, haben wir aktuell ca. 125 Mitarbeiter, klassisch strukturiert nach Plan, Build und Run, d. h. wir haben Projektleiter, Anforderungsmanager und IT-Architekten (Plan), Entwickler (Build) und Betriebsmitarbeiter (Run). Da, wo es sinnvoll ist, verwenden wir schon heute die neuesten Technologien. Neben der reinen Technologie geht es aber vor allem auch um Kompetenzen. Das ist ein sehr hart umkämpfter Markt. Wir haben Mitarbeiter mit sehr guten Ideen und dem für Innovation richtigen Mindset. Hier kann die IT die Rolle eines Stimulators und Enablers von neuen digitalen Produkten für die GEMA einnehmen. Die nicht immer die 120 Prozent perfekte Lösung hinstellen wollen, sondern auch mal nach der 80/20-Regelung verfahren und neue Technologien einfach mal ausprobieren. Und siehe da, wir haben in einem Tag schon eine einfache Blockchain-Lösung entwickeln können. Klar, ein einfacher Prototyp, aber immerhin. Zumindest wissen wir, die Technologie ist verfügbar und wir können sie nutzen. Dass wir jetzt akut noch keinen Anwendungsfall haben, ist ein anderer Punkt. Aber uns fehlen, so wie nahezu allen anderen Unternehmen auch, Spezialisten, die sich nur um diese Themen kümmern, da es nur wenige solcher Spezialisten auf dem Markt gibt. Durch enge Kontakte mit Universitäten, Forschungsinstituten und der Gründerszene hoffen wir, solche Spezialisten gewinnen zu können.

„DER MASCHINE FEHLT DIE ETHISCHE KOMPONENTE“

GIBT ES NEBEN DEN GENANNTEN INNOVATIONEN NOCH WEITERE TECHNOLOGIEN, DIE VON BEDEUTUNG SIND?

Augmented Reality oder Virtual Reality. Oder die Entwicklungen rund um Industrie 4.0, also Internet of Things. All das sind Themen, bei denen im Moment wahnsinnig viel passiert. In den Medien geht es dabei meist um Robotik, autonomes Fahren oder virtuelle Lernmöglichkeiten. Heute liegen diese Themen noch eher außerhalb der GEMA. Als Verwertungsgesellschaft betreiben wir ja weder ein produzierendes Gewerbe noch einen Maschinenpark. Aber wir verfolgen die Entwicklung in diesen beiden Bereichen derzeit sehr intensiv, denn für die Musik-Erkennung in Live-Aufnahmen kann das schon bald sehr spannend sein, z. B. wenn es mal gelänge, eine Alexa-Box im Konzert zur Erzeugung von Musikfolgen zu nutzen.

IST DER MARKT DA NICHT SCHON DEUTLICH WEITER? ABLETON, EIN BERLINER UNTERNEHMEN, HAT ERFOLGREICH EINE MUSIKSOFTWARE AUF DEN MARKT GEBRACHT, DIE IN DEN BEREICH DER MUSIKKREATION UND -PRODUKTION VOLLSTÄNDIG DIGITALISIEREN WILL. WERDEN WIR KÜNFTIG ROBOTER ALS MITGLIEDER AUFNEHMEN MÜSSEN?

Ich habe da eine klare Meinung: Die Maschine wird nie kreativ sein können. Die menschliche Kreativität ist ihr stets überlegen und wird im Kompositionsprozess auch weiterhin gefordert sein – im Gegensatz zu anderen Bereichen, beispielsweise im juristischen Bereich, wo schon heute sehr viel standardisierbar ist. Ich denke da an automatisierte Analyse von juristischen Verträgen anhand von Stichworten. Sicher, auch Maschinen werden zunehmend besser in dem, wie und was sie lernen. Und darin liegen mitunter auch Gefahren. Doch mit Kreativität im eigentlichen Sinne hat das nichts zu tun. Ein Algorithmus basiert ja auf Logik, auf Wahrscheinlichkeiten und auf Trial and Error. Was immer relevanter wird und wo der Mensch ein Alleinstellungsmerkmal hat, ist die kreative Vernetzung der verschiedenen technologischen Möglichkeiten.

ABER HABEN WIR NICHT SCHON VIELE DINGE GESEHEN, DIE WIR ZUVOR NIE FÜR MÖGLICH GEHALTEN HABEN?

Schon, aber umgekehrt haben wir uns auch schon viele Möglichkeiten vorgestellt, die dann doch nicht gekommen sind. Stephen Hawking, einer der berühmtesten, inzwischen nicht mehr lebenden Physiker, hat schon früh vor der künstlichen Intelligenz gewarnt. Weshalb? Weil der Maschine die ethische Komponente fehlt. Und das sagt ein zutiefst logisch denkender Mensch. Viele Fragen haben wir noch immer nicht beantwortet: Wie geht man mit selbstfahrenden Autos um? Wer trägt die Schuld bei einem Unfall? Die Fahrgäste oder die Maschine? Oder der, der den Algorithmus programmiert hat? Hier braucht es meines Erachtens zwingend eine gesellschaftliche Initiative, auch als Korrektiv gegenüber den rein wirtschaftlichen Interessen, die solche Entwicklungen mit viel Kapital fördern.

DAS IST INTERESSANT: DER CHEF DER GEMA-IT SIEHT IN DER DIGITALISIERUNG MEHR FLUCH ALS SEGEN?

Weder – noch. Man kann sich nicht distanzieren, weil Technologien, die auf künstlicher Intelligenz oder Data Analytics basieren, immer mehr in unser tägliches Leben eingreifen. Und in Bereichen wie der Vorsorge oder Früherkennung von Krankheiten leisten diese Technologien schon heute enorm Wertvolles. Ein Segen, definitiv. Es gibt aber eben auch Bereiche, wo man sich fragen muss: Was ist das zutiefst Menschliche? Was geht uns dabei verloren? Ändert sich da nicht auch die Gesellschaft, ja der Mensch als solcher? Da bin ich, selbst als Physiker, manchmal eher auf der Fluch-Seite.

DA BEWEGEN WIR UNS IM BEREICH DER ETHIK. BRAUCHEN ROBOTER WERTE? KANN MAN ALGORITHMEN ERZIEHEN? SIND DAS FRAGESTELLUNGEN, MIT DENEN SIE SICH AUCH BEI DER IT BEFASSEN?

Mitunter auch, ja. Aktuell beschäftigt uns dabei insbesondere der Umgang mit Daten. Welche Daten verarbeiten wir? Wie können wir sicherstellen, dass sie nicht für andere Zwecke verwendet werden? Wo hört die Privatsphäre auf, wo fängt sie an? Auch da haben wir in der GEMA eine klare Meinung: Jedes Individuum muss die Hoheit über seine persönlichen Daten behalten und über die Verwendung seiner persönlichen Daten vor dieser informiert werden, um ggf. widersprechen zu können. Das ist ein sehr kompliziertes Feld, denn technologisch ist heute schon sehr viel möglich. Und dieses Potenzial wollen Digitalkonzerne, aber nicht nur diese, wirtschaftlich abschöpfen. Meines Erachtens haben wir hier eine klare Verantwortung für die nachfolgenden Generationen. Aber in unserem Tagesgeschäft geht es natürlich vorrangig darum, die Kernprozesse zu verbessern, beispielsweise durch Automatisierung in der Nutzungszuordnung.

BLEIBEN WIR BEIM DATENSCHUTZ. WO LIEGEN DENN DIE DATEN DER MITGLIEDER?

Die liegen bei uns in einem Rechenzentrum, verteilt auf die Standorte Frankfurt und Rüsselsheim in Deutschland, d. h. sie unterliegen deutscher Datenschutzrechtsprechung. Das gilt auch für die Daten, die die GEMA bei sogenannten Cloud-Anbietern liegen hat. Das ist ja keine Wolke, die beliebig irgendwo im Himmel schwebt. Auch Cloud-Anbieter achten inzwischen darauf, dass die Speicherung der Daten vom Benutzer regional begrenzbar gemacht werden können, d. h. sie liegen in Europa oder in unserem Fall in Deutschland und folgen den entsprechenden Datenschutzstandards. Zudem haben wir interne Informationssicherheitsrichtlinien aufgesetzt und folgen hier natürlich den gesetzlichen Datenschutzrichtlinien. Im Umgang mit unseren Mitgliederdaten sind wir sehr sensibel, es handelt sich schließlich um personenbezogene Daten, diese liegen ausschließlich in den Rechenzenten in Frankfurt und Rüsselsheim.

„BEI DER DIGITALISIERUNG STEHEN WIR BESSER DA, ALS ES GEMEINHIN DEN ANSCHEIN ERWECKT. ABER JA, WIR KÖNNTEN SICHERLICH MEHR PR FÜR UNS MACHEN “

UND WELCHE MASSNAHMEN ERGREIFEN SIE, UM DATEN UND SYSTEM VOR CYBERANGRIFFEN ZU SCHÜTZEN?

Ein Thema, das wir sehr ernst nehmen. Wir führen regelmäßig im Jahr geplante Angriffsversuche durch. Wir beauftragen externe Firmen oder Hackerteams damit, mögliche Schwachstellen in unserer IT zu erkennen. So können wir diese schnellstmöglich beheben. Viele Unternehmen, auch die GEMA, leiden unter sogenannten DOS-Attacken. Bei diesen Denial-of-Service- Angriffen werden in kürzester Zeit möglichst viele Datenzugriffe auf die Website abgeschickt und die Maschine in die Knie gezwungen. Im Rahmen der Tariflinearisierung 2013 und den Auseinandersetzungen mit YouTube hatten wir sehr viele solcher Angriffe und dementsprechend viele Downtimes der Webseite. Bei der GEMA hängt dies ja auch immer mit der öffentlichen Wahrnehmung zusammen. Doch wir haben gelernt und sind seitdem gut aufgestellt. Jegliche Angriffe konnten wir seitdem erfolgreich abwenden.

KOMMEN WIR NOCH MAL ZURÜCK ZUM TAGESGESCHÄFT. WORIN SEHEN SIE ALS VERANTWORTLICHER DIREKTOR FÜR DIE IT DER GEMA IHRE HERAUSFORDERUNG?

Vor der GEMA war ich unter anderem im Bankenbereich, nun arbeite ich in der Medienbranche. Da ist die Digitalisierung im Vergleich zu anderen Branchen schon relativ weit vorangeschritten, so beim Thema Streaming, also der Musiknutzung über den digitalen Weg. Die Musikbranche wurde deutlich früher mit einer größeren Durchdringung konfrontiert als andere Bereiche. Die mit Abstand größte Herausforderung ist die Verarbeitung der unfassbar großen Datenmengen, die wir heute schon haben und die absehbar auf uns zukommen werden …

 … UND NICHT WENIGER WERDEN. WELCHE STRUKTUREN HABEN WIR, WELCHE MÜSSEN WIR AUFBAUEN, DAMIT WIR MIT DIESEN DATEN UMGEHEN KÖNNEN?

Zum einen hilft dabei der laufende technologische Fortschritt im Bereich der verfügbaren Speicherkapazitäten und der Rechnergeschwindigkeiten. Wenn man sich vor Augen führt – und ich denke, das kann auch jeder Nicht-ITler leicht nachvollziehen –, welche Fähigkeiten die heutigen Smartphones im Vergleich zu denen von vor fünf Jahren haben, sieht man, welche Entwicklungsgeschwindigkeiten hier gegeben sind. Ein weiteres großes Thema, das die ITBranche umtreibt, ist weniger das Datenvolumen als vielmehr die Frage der Kühlung und des Strombedarfs.

KÜHLUNG?

Übrigens auch ein sehr großes Thema bei Blockchain. Die große Rechenkapazität, die zur Verfügung steht, wird auf immer kleinerem Raum konzentriert. Doch mehr Power führt zu größerer Hitzeentwicklung. Und hier benötigen wir schon heute sehr viel Strom, damit sie ausreichend gekühlt werden kann. Wäre das Internet ein Land, dann wäre es derzeit das Land mit dem sechstgrößten Energieverbrauch der Welt. Es gibt die ersten Überlegungen, Rechenzentren unter Wasser zu bauen, um das Ganze energieschonend mit Wasserkühlung zu versorgen.

NEHMEN WIR AN, DASS WIR AUSREICHEND STROM ZUR KÜHLUNG HABEN WERDEN: KÖNNEN SICH UNSERE MITGLIEDER BALD AUF REALTIME-ABRECHNUNGEN FREUEN?

Technologisch schon, doch uns behindern verschiedene Eigenheiten der GEMA, beispielsweise der komplexe Verteilungsplan. Aber auch der Anspruch nach korrekter Erkennung von Werken oder der Trend zu Copyright-Split. Realistischer ist es, häufiger ausschütten zu können, also mit den Daten schneller umgehen zu können. Hier hoffen wir auf einen deutlichen Performancesprung, im Monatstakt. Doch aktuell erfordert unser Verteilungsplan, bspw. durch Punktbewertungen leider noch Prozessschritte, die sich nicht parallelisieren lassen. Ich kann den dritten Schritt eben nicht vor dem zweiten Schritt machen.

DAS VERLANGSAMT ALSO DIE PROZESSE.

Genau. Von unserer Prozesslogik sind wir vergleichbar mit einem Telekommunikationsanbieter. Der verarbeitet auch Unmengen von Nutzungsmeldungen, ein Telefonanruf, eine SMS. Uns gegenüber haben sie jedoch einen großen Vorteil: die Flatrate. Viele Nutzungsmeldungen werden dadurch nicht mehr separat auf der Rechnung ausgewiesen, sie fallen eben unter die Flatrate. Wir hingegen müssen unsere Werkdatenbank befragen und gemäß Verteilungsplan gewichten. Das sind zwei Schritte, die deutlich komplizierter und komplexer sind im Vergleich zur Telekommunikationsbranche.

GIBT ES NICHT AUCH ANDERE MÖGLICHKEITEN DER VERARBEITUNG?

Denkbar, ja. Speziell im Streaming-Bereich gibt es Werke, die sehr oft gestreamt werden, die man nutzungsbasiert direkt abrechnen kann. Bei anderen, die weniger oft genutzt werden, könnte es hingegen sinnvoll sein, eine gewisse Zeit zu warten. Dann addiere ich diese Nutzungsmeldungen im Longtail-Bereich über ein Jahr und verarbeite sie erst dann. Damit hätten wir sowohl die Wirtschaftlichkeit als auch die Gerechtigkeit abgedeckt.

MAL HAND AUFS HERZ: WIE DIGITAL IST DIE GEMA IM VERGLEICH ZU ANDEREN VERWERTUNGSGESELLSCHAFTEN?

Ich glaube, dass wir besser sind, als es gemeinhin den Anschein erweckt. Aber ja, wir könnten sicherlich mehr PR für uns machen. Alles, was mit dem Bereich Matching zu tun hat, die Genauigkeit und Qualität unserer Datenverarbeitung – da sind wir schon heute sehr, sehr gut und deutlich vor anderen. Wenn wir im kommenden Jahr das Mitglieder-Dashboard implementieren, sind wir auch im Bereich Services einen deutlichen Schritt weiter gekommen. Hier sind wir im Vergleich zu anderen zugegebenermaßen noch nicht so gut aufgestellt – aber wir arbeiten intensiv daran und die Mitglieder können gespannt sein.

VIELEN DANK FÜR IHRE ZEIT!