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Baddiel und Skinner – Die Gesichter hinter dem Song „Three Lions“

Es gibt Fußballspiele, an die erinnern sich nur noch Fußballhistoriker, Statistiker und langjährige 11-Freunde-Abonnenten – und doch haben sie Geschichte geschrieben. Das Spiel zwischen England und Schottland am 15. Juni 1996 war so eins: Es endete 2:0. Doch schrieb nicht Paul Gascoigne mit seinem Lupf-Volley-Traumtor Geschichte, sondern ein besonderes Lied, das nach dem Spiel aus den riesigen Lautsprechern des altehrwürdigen Wembley-Stadions dröhnte: „Three Lions“.


Zunächst sangen nur wenige der euphorisierten Fans mit. Doch spätestens beim Refrain grölte das gesamte Stadion „It's coming home, it's coming home, it's coming, football's coming home“. An diesem Abend wurde mit „Three Lions“ nicht nur eine neue Fußball-Hymne geboren, sondern auch ein neues Selbstbewusstsein bei den Spielern und den Fans gezündet: Der englische Fußball war endlich wieder zurück und ein ernstzunehmender Titelkandidat für die nur wenige Tage später beginnende Euro 1996 im eigenen Land.

Ein Hit mit Spätzünder

David Baddiel und Frank Skinner verfolgten die Szenen nach dem Spiel mit besonderem Interesse. Bis dahin waren sich die beiden Text-Autoren des Songs nicht sicher, ob sie ein Lied für die Drei Löwen – so wird das englische Team genannt – oder nur für drei harmlose Kätzchen geschrieben hatten. Einige Monate zuvor bekamen die beiden vom englischen Fußballverband FA den Auftrag, einen Song für die EM 1996 zu schreiben. Die bekannten Fußball-Comedians mit eigener Show „Fantasy Football League“ produzierten mit Ian Broudie von der Band Lightning Seeds einen Song, der den damals recht erfolglosen englischen Fußball in typisch britischer Manier aufs Korn nahm. Gespickt mit Referenzen zu besseren Tagen des englischen Fußballs, beißendem Fatalismus, aber auch mit viel Hoffnung auf das Unerwartete (vielleicht einmal ein Elfmeterschießen gegen die deutsche Mannschaft gewinnen) vertonten Baddiel und Skinner das englische Fußballzeitgefühl Mitte der Neunzigerjahre.

Im Mai 1996 wurde das Lied fast unbemerkt veröffentlicht. Zum ersten Mal im Stadion wurde es nach dem 3:0 Erfolg des englischen Teams gegen Ungarn gespielt. Keine Resonanz. Auch nach dem darauffolgenden Unentschieden gegen die Schweiz blieben die Löwen musikalisch ohne Beute.

„Three Lions“ wird ein „viraler Erfolg“

Dass „Three Lions“ letztlich „viral“ -- damals gab es kaum Handys und schon gar kein Social Media – wurde, hat die Fußball- und Popwelt möglicherweise einem aufmerksamen Regieleiter der BBC zu verdanken. Nach dem Schottland-Spiel ließ er die Fernsehkameras auf den singenden Fans verharren und in die heimischen Wohnzimmer senden. Am nächsten Morgen lief das Lied in der beliebten BBC Breakfast Show in Dauerschleife. Der Song nahm nun gehörig Schwung auf und trug die englische Nationalmannschaft bis ins Halbfinale, in dem sie, wieder einmal, in einem dramatischen Elfmeterschießen gegen den späteren Europameister Deutschland scheiterte.

Die englische Mannschaft schied aus, aber der Song „Three Lions“ lebte weiter. Über die Jahre wurde das Stück weiter- und umgeschrieben. Die Version zur Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich klang schon etwas optimistischer. Erinnerte die Originalversion noch an die „30 Jahre Schmerzen“ nach dem verkorksten WM 1966 im eigenen Land, hieß es 1998 schon verklärter „no more years of hurt“ („nie mehr schmerzvolle Jahre“).

15 Jahre nach der Erstveröffentlichung mit neuem Text und Hoffnung auf den Titel

Auch zur EM 2021 wird „Three Lions“ wieder aus allen Lautsprechern schallen. Und wieder wurde der Text angepasst. Denn dieses Jahr ist die englische Nationalmannschaft einer der Top-Favoriten. Dementsprechend heißt es diesmal statt „That England's going to throw it away, gonna blow it away" (letztlich vermasselt es die Mannschaft) sehr selbstbewusst und kämpferisch „That we don't have the skill in their eyes, well we're tired of the lies".

Wir werden es bald wissen, ob die drei Löwen bis zum Ende brüllen und ob sie wie die Autoren Baddiel, Skinner und Broudie die Geschichte weiterschreiben.