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Schneeflöckchen, Weißröckchen – Ausdruck einer neuen Zeit

Sobald der erste Schnee fällt, erklingt das Lied von der Schneeflocke im weißen Rock in Kindergärten, Schulen und Familien. Das Lied „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ zählt zu den Klassikern der Adventszeit. Was viele nicht wissen: Der Ursprungstext stammt aus dem 19. Jahrhundert und war seiner Zeit voraus.


Den Ursprungstext schrieb Hedwig Haberkern aus Breslau. 1869 veröffentlichte sie das Lied in ihrem Buch „Tante Hedwigs Geschichten für kleine Kinder die Geschichte von der Schneewolke“. Haberkern, bekannt als Tante Hedwig, war eine äußerst moderne Frau. In einer Zeit in der Frauen in Deutschland noch höchstens eine Ausbildung zur Haushälterin machten, arbeitete sie als Kindergärtnerin und später als Lehrerin in Breslau. In ihren Geschichten zeigt sich nicht nur das neu entstehende Verständnis für die Kindheit. Der Ursprungstext zeigt auch ein verändertes Verhältnis zum Winter.

Im Zentrum des Lieds steht der Spaß und das Vergnügen im Schnee. „Schneeflöckchen, Weißröckchen komm zu uns ins Tal, dann bau'n wir den Schneemann und werfen den Ball.“ Die Einsicht, dass Spielen ein wichtiger Teil der kindlichen Entwicklung ist und Kinder nicht wie kleine Erwachsene behandelt werden sollten, setzte sich erst zum Ende des 19. Jahrhunderts langsam durch. 

Der Text ist insgesamt sehr fröhlich, was für die Zeit ebenfalls eher ungewöhnlich war. Die Pädagogin bringt den Schnee nämlich nicht – wie zu ihrer Zeit üblich – mit grimmiger Kälte und den damit verbundenen harten Zeiten in Verbindung. Im Gegenteil der Schnee wird als lieblich beschrieben und sehnsüchtig erwartet. In der „Winterreise“ von Franz Schubert aus dem Jahr 1827 erstarrt die Natur im Winter noch zu Tode. Hedwig Haberkern lässt dagegen die Schneeflocken selbst Blumen ans Fenster malen und bettet die Natur unter der weißen Decke zur Ruhe. Der deutsch-polnische Kupferstecher und Grafiker Daniel Chodowiecki stellt den Schneemann ein Jahrhundert früher noch als eine drohende Gestalt mit erhobene Besen dar. Im Text von Haberkern dient er als finale Figur und Ausgangspunkt einer spaßigen Schneeballschlacht.

Die Autorin wünschte sich, dass das Lied auf die Melodie von Mozarts "Wir Kinder, wir schmecken der Freuden so viel" gesungen wird. Über die Zeit vertonten aber verschiedene Komponisten das Gedicht. Unter anderem wurde der Text auf die Melodie von „Im Märzen der Bauer gesungen“ sowie auf Kompositionen von Johann André und von Kurt Schläger gesungen. Die heutige Fassung, eines unbekannten Autors, lässt sich in Liederbüchern bis in das Jahr 1915 zurückverfolgen und setzte sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs durch.

 

Schneeflöckchen, Weißröckchen,
wann kommst du geschneit?
Du wohnst in den Wolken,
dein Weg ist so weit.

Komm setz dich ans Fenster,
du lieblicher Stern,
malst Blumen und Blätter,
wir haben dich gern.

Schneeflöckchen, du deckst uns
die Blümelein zu,
dann schlafen sie sicher
in himmlischer Ruh’.

Schneeflöckchen, Weißröckchen,
komm zu uns ins Tal.
Dann bau’n wir den Schneemann
und werfen den Ball.