, Die GEMA

Wir brauchen weibliche Vorbilder

In den Schulen hängen Bilder von Mozart, Bach und Beethoven. Wie sollen da Mädchen auf die Idee kommen, Komponistinnen zu werden, fragen Iris ter Schiphorst (62) und Balbina (35) in einem Gespräch über das Frausein in der Musikindustrie, für das sie virtuos in Berlin zusammenbrachte


Liebe Iris, liebe Balbina, vielen Dank, dass wir hier zusammengekommen sind und ihr unserer Anfrage sofort entsprochen habt, um über Frauen in der Musik zu sprechen.
Iris ter Schiphorst (ItS): Danke für die nette Einladung und schön, dich persönlich kennenlernen, Balbina. Ja, die Statistiken zeigen, dass das Thema nach wie vor auf die Agenda gehört. Denn immer noch werden deutlich weniger Werke von Komponistinnen aufgeführt. Dass jetzt endlich in der Musik-Szene, aber auch in der Gesellschaft ein größeres Bewusstsein über diese Schieflage entsteht, freut mich natürlich sehr – und auch, dass sich die GEMA dessen annimmt.

Balbina: Ich wiederum fand es interessant, mich mit einer Komponistin auszutauschen, die musikalisch aus einer völlig anderen Richtung kommt als ich.

Iris, du kommst aus einer musikalischen  Familie. Du hast Musik studiert. Deine Mutter war Pianistin – und auch  deine erste Lehrerin.
ItS: Meine Mutter hatte einen großen Schüler-kreis und so war das Klavier bei uns täglich „in Betrieb“. Klavierspielen lernte ich hauptsächlich nach Gehör. Oft machte es mir auch Spaß, Stücke „spielend“ zu verändern, z. B. Teile umzustellen oder etwas dazu zu erfinden. Um das Etwas zu „ordnen“, meldete mich meine Mutter dann für das Vorstudium am Osnabrücker Konservatorium an. Damit begann mein Werdegang als Pianistin.

Balbina, wie bist du zur Musik gekommen?
Balbina: Ich habe früh angefangen, meine eigenen Lieder zu schreiben und zu singen. Durch mein Umfeld in Berlin-Neukölln fand ich Anschluss an die Hip-Hop-Szene, in der man autodidaktisch schnell Musik umsetzen konnte. So hab ich einfach gemacht, statt erst mal klassisch einen Kompositions-Lehrgang anzustreben. Mir gefiel vor allem auch der textaffine Aspekt am Rap, die Worte und Reime zu fokussieren. Nichts war unmöglich, man machte Musik, ohne zu wissen, was man da eigentlich tut.

In den vergangenen Jahren hast du viel Gehör bekommen. 2018 wurde dir sogar der Deutsche Musikautorenpreis verliehen.
Balbina: Ich denke, ich bin den organischen Weg einer Karriere gegangen. Seit meinem 17. Lebensjahr mache ich nun Musik und habe von Jahr zu Jahr dazugelernt, bin gewachsen. Meine anfänglich humorvollen, teils verrückten Hip-Hop-lastigen Tracks entwickelten sich mehr und mehr zu Liedern, die viel von meinem Innenleben preisgeben. Ich habe gelernt zu texten, ich habe gelernt zu komponieren. Habe mit den Herausforderungen meine eigenen Wege erschlossen. Für die Außenwelt ist man erst dann Komponistin, wenn man Werke veröffentlicht hat. So bin ich etwa seit 2010 auf dem Radar der Musikindustrie, dennoch gehört auch davor jede Entwicklungsstufe zum Künstlerdasein dazu. Als ich 2018 den Deutschen Musikautorenpreis der GEMA für meine Textarbeit erhielt, hat mich das extrem stolz gemacht, denn meine Art zu schreiben ist nunmehr ein Lern-Prozess der letzten 18 Jahre. Jedes Wort, das es auf die Platten schafft, wurde von mir zuvor Hunderte Male hinterfragt.

ItS: Die Wahrheit ist: Erst durch Aufführungen wird man zur Komponistin. Du kannst noch so fantastische Stücke geschrieben haben – wenn du nicht die Chance kriegst, aufgeführt zu werden, bist du als Komponistin im öffentlichen Bewusst-sein nicht existent.

Iris, was würdest du sagen, was man als Frau mitbringen muss, um Musikautorin zu werden?
ItS: Einen starken Willen und ein dickes Fell. Denn es wird dir möglicherweise in bestimmten Situationen einfach weniger zugetraut als einem Mann.

Darüber hinaus ist es gut, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Ich habe Ende der 80er-Jahre zusammen mit tollen Musikerinnen mein elektroakustisches Ensemble intrors gegründet. Wir haben fast ausschließlich eigene Kompositionen gespielt und mit unseren Aufritten immer wie-der Aufführungsmöglichkeiten für unsere Werke geschaffen. Natürlich war es enorm viel Arbeit, aber es hat sich gelohnt. Und wir wurden wahr-genommen. Unser größter Erfolg war der „Blaue Brücke“-Preis in Dresden-Hellerau 1997. Balbina: Und mit Sicherheit kannst auch du nicht mit Menschen arbeiten, die sagen „Oh, das wird aber nicht umsetzbar sein“, stimmt’s?

ItS: Genau.

Balbina: Bei mir gibt es das nicht. Bei mir gibt es kein: „Das geht nicht“. Für mich geht alles. Das ist Kampf im positiven Sinne.

Hast du das Gefühl, dass viele Menschen um dich herum sagten: Nein, das geht nicht?
Balbina: 95 Prozent der Umgebung. Mir fallen eher die Wenigen ein, die mich bestärkt haben. Markus Staiger, der über sein Indie-Label „Ro- yal Bunker“ wirklich jeden genervt hat – wirklich komplett jeden –, sich meine Stücke anzuhören. Meine beste Freundin Jess, die jeden Videodreh oder Auftritt begleitet hat. Bistram, mit dem ich, seitdem wir noch grün hinter den Ohren waren, musiziere. Meine Mutter, die immer hinter mir stand. Auch als meine Einkünfte der Nebenjobs mein Leben finanzierten und alle meine Musikprojekte den Rest meiner Finanzen fraßen. Ferner meine Verleger Markus Wenzel und Ingo Heinzmann, die wirklich alles getan haben, um meine Vision voranzutreiben. Und wie man sieht, sind das männliche Personalien aus der Major-Industrie. Es gibt durchaus Köpfe in diesem Business, man muss sie nur finden und sich vernetzen. Auf diese Menschen kommt es an, der Rest ist egal.

Was sind die größten Herausforderungen eures Berufs – vor allen Dingen als Frau?
Balbina: Ich denke, man wird im Arbeitsumfeld von Major-Plattenlabels als anstrengend empfunden, wenn man einen konkreten Plan für seine Kunst hat und wenige Kompromisse ein-gehen möchte. Die machen das nicht absichtlich, sondern bewerten das unterbewusst als anstrengend. Vergleichbare männliche Künstler mit der gleichen „Macher“-Attitüde werden hingegen als „inspirierend“ wahrgenommen. Da sind wir als Frauen in der Pflicht, uns nicht einschüchtern zu lassen, und die Teams in der Industrie wiederum sollten vielmehr ihre Denkweise hinterfragen. Es ist nicht schlimm, Fehler zu machen, sie zu wiederholen aber schon. Reflexion ist hier das Stichwort, nicht Kampf.

ItS: Ja, das erlebe ich genauso: Man gilt als „anstrengend“, wenn man als Komponistin weiß, was man will, und das durchsetzen möchte. Auch wird einem zum Teil weniger Autorität zugestanden. Aber die Erfahrungen variieren. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass sich all das ändern wird. Als ich selbst im Jahr 2000 das erste Mal mit einem großen Orchester arbeitete, war genau drei Jahre vorher bei den Wie-ner Philharmonikern die allererste Musikerin eingestellt worden! Und mit diesem Wissen im Nacken sollst du dann als junge Frau vor diesen riesigen altehrwürdigen hierarchischen Appa-rat treten und möglichst entspannt deine Musik erklären, während du gleichzeitig alle Blicke auf dich gerichtet fühlst: oh – eine KomponistIN!  Aber ich hatte damals Glück, einen kollaborativen unprätentiösen Dirigenten und zum Teil sehr emphatische und engagierte Musiker und Musikerinnen zur Seite zu haben. Und mein Verlag Boosey & Hawkes hat mir internationale Sichtbarkeit ermöglicht.

Der Beruf des Musikautors, der Musikautorin ist ja immer noch eine Männerdomäne. Wie könnte man das ändern?
ItS: Wir brauchen viel mehr Frauen an den entscheidenden Schaltstellen, in der Lehre, an den Hochschulen. Und: Die Lehre muss sich ändern. Denn das Bild eines „Komponisten“ entspricht in den allermeisten Fällen immer noch dem des 19. Jahrhunderts. Vor einigen Jahren habe ich in Berliner Schulen Musikkurse gegeben. Da hängt Beethoven, da hängt Mozart, da hängt Bach, da hängt Schubert an den Wänden. Da hängt, wenn es ein Musikgymnasium ist, vielleicht auch noch Schönberg. Wie sollst du da als Mädchen auf die Idee kommen, dass Komponieren auch für dich denkbar ist?

Es gibt ja von der Philosophin und Philologin Judy Butler die Theorie der Anrufung. Und diese Beispiele zeigen:  Wenn du ein Mädchen bist, sagt dir nichts und niemand: Werde Komponistin.

Das heißt, man müsste schon in den Schulen anfangen, bei den jungen Mädchen?
Balbina: Genau. Musik und Kunst sind so wichtige Fächer in der Schule. Sie sind ein gesellschaftliches Ventil und Transportmittel für Inhalte. Der Grad einer gesellschaftlichen Entwicklung ist eng verwurzelt in ihrer Bildung. Wir haben gerade sehr viele politische Herausforderungen in der Republik, wenn wir jetzt nicht Ohr und Auge der nachfolgenden Generation schärfen, wird es gefährlich. Die Betonung liegt hier auch nicht auf der Benotung! Es geht um Ausbildung der Fähigkeiten, im wahrsten Sinne des Wortes.

Glaubt ihr, dass es noch etwas anderes  gibt, was Frauen daran hindert, sich als  Komponistinnen zu entfalten? Familie?
ItS: Ich kenne viele Komponistinnen, die Familie haben. Ich selber war alleinerziehende Mutter. Familie ist definitiv kein Hinderungsgrund. Es sind eher die fehlenden Möglichkeiten für Aufführungen oder fehlende Aufträge. Aber viel-leicht interessieren sich junge Frauen auch nicht mehr so sehr für ein Berufsbild, das dem 19. Jahr-hundert entstammt. Denn durch das Aufkommen neuer Medien und die Digitalisierung sind ja ganz andere Arbeitsweisen möglich geworden – die vielleicht auf Dauer interessanter sind.

Gibt es etwas, das euch an dieser ganze Frauen-Männer-Diskussion nervt?
Balbina: Es wird gefühlt nur noch geschrien, aber an dem Punkt der Veränderung muss noch stärker angegriffen werden. Und zwar tatkräftig. Als ich als einzige Frau für den Deutschen Musikautorenpreis der GEMA nominiert wurde, ging es heiß her. Zu wenig Frauen waren nominiert, zu wenig Frauen hatten die Chance, ihn zu gewinnen. Richtig. Als die eine Frau das Ding aber holte, fehlte die Aufmerksamkeit komplett. Der Moment wurde nicht genutzt, es wurde keine Kraft daraus gezogen. Oder eben durch Zusammenhalt Veränderung bewirken.

ItS: Da hast du völlig recht! Ich persönlich würde es gerne noch erleben, dass man über all diese Dinge nicht mehr sprechen muss. Noch muss man es.

 

In die Zukunft gerichtet, was sind eure  Wünsche?
ItS: Es ist ein anderes Thema, aber was politisch gerade passiert, ist ja ein unglaublicher Rückwärtstrend. Da sollten wir alle mehr zusammen-stehen und uns deutlicher positionieren. Balbina: Vor allem werden die Standpunkte absurderweise von Frauen formuliert, die selber zu benachteiligten Randgruppen gehören. Ich weiß überhaupt nicht, wie schnell man es in einem Land schaffen kann, sich so zurückzuentwickeln. Wir kämpfen momentan nicht für die Gleichberechtigung von Frauen. Wir kämpfen hier gerade für die Grundwerte einer Zivilisation, die sich von der Barbarei unterscheidet!

ItS: Ja, ich würde mir wünschen, dass Kultur wie-der wichtiger und unabhängiger wird und finanziell mehr unterstützt wird. Du hattest das The-ma Bildung ja schon angeschnitten, Balbina. Wie kann es sein, dass heutzutage Musik und Kunst in der Schule zu „Abwählfächern“ degradiert werden? Eine fatale und folgenschwere Entscheidung! Denn viele der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Konflikte sind kultureller Natur. Haben – vereinfacht ausgedrückt – damit zu tun, dass sich Gruppen von Menschen oder Individuen nicht verstehen. Die Künste schaffen im besten Fall Kommunikations- und Reflexionsräume, und sie bauen Brücken zum Anderen. Wir brauchen viel mehr „neue Kunst“ – nicht weniger! Es geht um nichts weniger als das Gelingen des Lebens und des Zusammenlebens. Aber seien wir auch nicht naiv: In Konflikten geht es immer auch um schnöde Machtinteressen, darum, wer mehr bekommt, und dar-um, wie der Anspruch des anderen möglichst abgewehrt und kleingehalten werden kann. Die Geschlechterdebatte ist ein gutes Beispiel dafür. Nicht jedem ist daran gelegen, wenn Kunst die Selbstermächtigung des Einzelnen befördert. Balbina: Wir brauchen die Vielfalt und wir können als eine Gesellschaft nicht riskieren, dass nur wirtschaftliche Aspekte bestimmen, welche Musik verstärkt wird. Die Regierung muss da dranbleiben, damit das Populismus-Problem nicht noch massiver wird. Die Kultur eines Landes bestimmt maßgeblich das Niveau der Diskussion. Da müssen wir Künstler Niveau schaffen und Sprachrohr sein. Und wir brauchen Hilfe von Organisationen wie der GEMA oder wirtschaftlichen Unternehmen, die Musik vertreiben. Wir brauchen den Staat, wir brauchen die Kultursenatoren. Wir brauchen das Kulturministerium. Wir brauchen einfach jeden an Bord, der uns hilft, die kulturelle Vielfalt zu gewährleisten.

Welche Musikautorinnen sollten wir in  nächster Zeit hören?
ItS: Ich bin begeistert von Oxana Omelchuk. Ich finde sie großartig.

Balbina: Ich arbeite derzeit mit einer Musikerin, die ich ganz neu entdeckt habe. Liv Solveig. Man kann sich online ein bisschen Musik von ihr hören. Sie hat klassische Geige und Jazzgesang studiert und kombiniert die verschiedensten Stilrichtungen in ihrer Musik.

 

 

Das ist gelebte Frauensoldidarität. Vielen Dank, Iris und Balbina, für dieses Interview.

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