, Die GEMA

Zum Tag des Jazz – Jochen Schmidt-Hambrock im Interview

Die UNESCO feiert seit 2012 mit dem internationalen Tag des Jazz die besondere kulturelle Bedeutung dieser musikalischen Kunstform.

Wir sprechen anlässlich dieses Welttages mit dem Bassisten und Komponisten Jochen Schmidt-Hambrock über die Entwicklung des Jazz, die besondere Leistung von Jazzkomponisten und die Förderung ihrer Arbeit.

 


WIE WÜRDEN SIE DIE ENTWICKLUNG DES JAZZ KURZ BESCHREIBEN UND WELCHE BEDEUTUNG HAT ER FÜR DIE MUSIKWELT HEUTE?

Der Jazz macht, was der Jazz will. Wie jede echte Kunst ist er zweckfrei und genügt sich selbst. Wer welche Art von Jazz spielt, das geht nur den jeweiligen Musiker was an.

Ich war schon immer gegen jede Art von Jazzpolizei. Dieses Abgrenzungsding führt in Sackgassen. Dort wird es schnell langweilig. Und vor allem einsam - wenn nur noch drei Leute über DIE TRADITION wachen. Der Jazz rechtfertigt seine Bedeutung, indem er immer wieder über Tellerrändern hinaus schaut. Das Schreiben für Big Bands z.B. schien jahrelang im bewährten Formalismus erstarrt zu sein, aber jetzt gibt es das Andromeda Mega Orchester, die Jazzrausch Big Band und schon ist alles wieder frisch. Selbst ein Rückschritt kann frisch sein: Vor ein paar Wochen hörte ich einen Jazzpianisten, der völlig ohne Chromatik auskam. Dem Publikum gefiel es. Mir auch, aber ich muss gestehen, beim dritten Stück fing ich an, den Bierdeckel zu lesen.

 

EIN WESENTLICHES MERKMAL UND BESONDERE LEISTUNG VON JAZZMUSIKERN IST DIE IMPROVISATION – WAS PASSIERT EIGENTLICH IM KOPF, WENN MAN IMPROVISIERT?

Wenn es gut läuft, steht man fast ein wenig neben sich. Man denkt nicht. Man spielt einfach. Dann gibt es Abende, an denen ich spiele, was funktioniert: Akkordbrechungen, Skalen, Licks … Schnell spielen, so schnell wie man kann, das ist auch so ein Ausweg. Man ist eben nicht immer inspiriert. Aber dann gibt es wieder die Abende, an denen man denkt: „Habe ich das gerade gespielt?“

Dieses Erlebnis gibt es ja auch beim Komponieren: „Habe ICH das tatsächlich geschrieben?“ Man wundert sich oft, wo die Ideen herkommen. Vielleicht sind manche Kollegen deswegen etwas esoterisch oder gleich religiös. Aber gerade im Jazz ist es wunderbar (!) offensichtlich, wie eine musikalische Idee aus dem Nichts entsteht.

Letztlich scheint mir der Unterschied zwischen Komposition und Improvisation recht prosaisch zu sein. Es ist im Prinzip wie beim Verfassen eines Textes: Je schneller ich schreiben kann, desto eher kann ich meinen Gedankenstrom in Realzeit – wie bei einer Improvisation – zu Papier bringen. Es bricht aber alles zusammen, wenn ich zum Beispiel einen polnischen Namen schreiben muss. Ich male im Schneckentempo einzelne Buchstaben aufs Blatt. Ein Pole hätte dieses Problem nicht. Ganz ähnlich bestimmen meine instrumentalen Fähigkeiten, ob ich in Realzeit meine musikalischen Ideen realisieren kann, also improvisieren kann – oder nicht. Auf dem Bass geht das für mich jederzeit. Auf dem Klavier muss ich die Ideen aufschreiben und editiere sie dabei. In anderen Worten, ich komponiere! So ist es auch ohne Instrument. Im Kopf kann ich improvisieren, aber ich kann nicht singen. Also schalte ich ins Schneckentempo und benutze Blatt und Bleistift oder einen Computer.

Von der Improvisation zur Komposition, das passiert in unserem Genre oft und strahlt dabei in alle möglichen Kunstrichtungen aus. Wenn es klingt, oder ausschaut, als ob es ganz einfach wäre, als ob es jedem hätte einfallen können – diese Momente gibt es in vielen gelungenen Werken. Von Miles Davis über Chopin und Picasso bis zu Billy Wilder.

 

WIE LEBT MAN HEUTE ALS JAZZKOMPONIST?

Als Bassist hatte ich immer zu tun, aber das wird als Komponist zum Problem. Man will ja eigene Stücke aufführen, idealerweise nicht nur im eigenen Ensemble. Ich hatte in dieser Beziehung Glück und wurde Filmkomponist. Das scheint eine der üblichen Laufbahnen zu sein, viele meiner Filmmusikkollegen kommen aus dem Jazz. Woran das liegt, darüber kann man spekulieren: Wer jeden Abend auf der Bühne etwas Neues spielt, der kann auch in drei Wochen 60 Minuten Filmmusik schreiben? Wer das „Thema und Variationen“ – Ding beherrscht, der hat es in der Filmmusik leichter? Wer ein kurzes Thema schreibt, über das Andere dann zehn Minuten improvisieren, der nimmt sich als Komponist nicht so wichtig? Wer die Ensemblearbeit gewöhnt ist, der kommt auch in einer Filmproduktion zurecht? Wer weiß.

Aber – um auf die Frage zurück zu kommen – als Jazzkomponist nur von der Aufführung und Produktion eigener Stück leben zu können, das ist schwer. Doch zum Glück bietet die GEMA zahlreiche Fördermöglichkeiten, manche sogar speziell für den Jazz. Im Aufsichtsrat sehe ich, dass viele Jazzkomponisten die finanzielle Hürde zur ordentlichen Mitgliedschaft souverän meistern. Und zwar nicht mit Auftragsarbeiten, sondern mit eigenen Bands und Produktionen. Es geht also.

 

WIE SEHEN DIESE FÖRDERMÖGLICHKEITEN IM EINZELNEN AUS?

Das passiert auf verschiedenen Ebenen, die ineinander greifen:

Wir haben die Werke-basierte Förderung. Meiner Meinung nach ist sie die „ehrlichste“ von allen. Sie orientiert sich am einzelnen Werk und wird quasi „mit der Nase in der Partitur“ vom Werkausschuss vergeben.

Dann haben wir mit der Wertung eine personen-basierte Förderung, die unter anderem eine Würdigung der „künstlerischen Gesamtpersönlichkeit“ vornimmt.

Die Alterssicherung und Sozialkasse unterstützt die Kollegen am oberen Ende der Alters- und am unteren Ende der Einkommensskala.

Dann haben wir viele strukturelle Mechanismen im Verteilungsplan, die für das kulturell wichtige und/oder kleine Repertoire sehr vorteilhaft sind. Das sind Sachen wie z.B. die Kulturfaktoren im Rundfunkbereich, die Verteilung des M-Punktes in den unteren Kategorien von INKA, u.v.m.

Mit dem Deutschen Musikautorenpreis der Akademie Deutscher Musikautoren verleiht die GEMA jährlich seit 2009 in einer glanzvollen Gala Preise in allen Musikgattungen, regelmäßig auch für den Jazz. Die GEMA-Stiftung fördert mit eigenem Etat und Partnern aus der Branche konkrete Projekte und Auszeichnungen. Für uns Jazzer ist dabei der alle zwei Jahre verliehene Albert Mangelsdorff-Preis besonders wichtig! Außerdem ist die GEMA einer der Hauptträger der Initiative Musik.

 

WELCHE TIPPS KÖNNEN SIE IHREN KOLLEGEN GEBEN, ZUM BEISPIEL BEIM THEMA WERKEINSTUFUNG?

Ganz grundsätzlich erschreckt es mich, dass manche Kollegen es nicht hinkriegen, nach einem Auftritt die Musikfolge einzureichen! Das GEMA-Portal dafür nennt sich Musikfolgen Online und ist nahezu selbsterklärend.

Auch sollte man sich als Komponist – wenigstens einmal im Leben – im Verteilungsplan die Paragraphen 63 bis 66 durchlesen. Oder sich auf der Mitgliederversammlung von den Kollegen erklären lassen. Mit diesem Wissen kann man im Werkausschuss die Stücke einreichen, die für eine höhere Einstufung in Frage kommen. Das macht aber nur Sinn bei genutzten Werken, denn die Höherstufung bewirkt eine Multiplikation des Werkaufkommens. Ist dieses Null (weil man Musikfolgen nicht einreicht), kann man multiplizieren, soviel man will.

Der §64.2 des Verteilungsplanes fördert zum Beispiel „zeitgenössischen Jazz von künstlerischer Bedeutung und mit Konzertcharakter, ausgenommen sogenannte Standards.“ Man kratzt sich da erstmal am Kopf, musikalisch ist das durchaus fragwürdig. Der Ellington-Standard „Sophisticated Lady“ z.B. ist kompositorisch bedeutend komplexer als vieles, was auf ECM oder ACT läuft. Aber man muss verstehen: Würden die Standards, also das „Great American Songbook“ höher bewertet, dann würde diese Jazzförderung für alle anderen Komponisten sehr teuer. Das Geld fällt ja nicht vom Himmel. Was der geförderte Komponist mehr bekommt, erhalten alle anderen weniger. Deswegen haben die Kollegen bei der Abstimmung über die Jazzförderung die Standards rausgenommen und damit auch die Kompositionen, die wie Standards aufgebaut sind: Also AABA-Form, 2-5-2-5-Harmonik, etc.

Hier jetzt den kompletten Verteilungsplan durchzugehen wäre unpassend, so mysteriös ist der auch nicht. Nur ein kurzer Rat, um unseren Werkausschuss nicht zu überfordern. Man sollte nicht seinen ganzen Katalog einreichen, sondern nur aktuell genutzte Stücke. Die Kollegen im Ausschuss schauen oder hören sich jede Komposition genau an – und diskutieren anschließend darüber. Und man sollte realistisch sein. Wer z.B. sein Werk nach §64.4 einstufen lassen möchte – das ist der von uns Jazzern 2017 angeregte Paragraph, der auf eine besondere Komplexität der Komposition abzielt – der sollte selbstkritisch sein Werk einschätzen. Einen gewöhnlichen C-Moll-Blues „einfach mal einreichen“, ist eine Verschwendung von Zeit und Geld.

Die meisten anderen Förderungen passieren automatisch. Ich würde vielleicht noch den Wertungsausschuss benachrichtigen, wenn ich einen Preis oder ein Stipendium erhalten habe. Als älteres Mitglied sollte ich die Sozialkasse anschreiben, bevor ich in die Altersarmut falle. Und man kann sich bei Gelegenheit im Netz mal anschauen, was die Initiative Musik und die GEMA Stiftung so fördern.

 

WANN SIND SIE MITGLIED GEWORDEN UND WIE HABEN SIE IHREN WEG IN DER GEMA BIS ZUM AUFSICHTSRATSMITGLIED ERLEBT?

Ich bin seit Anfang der 80er Mitglied und besuchte 84 zum erstmal die Mitgliederversammlung. Natürlich waren fast ALLE im Saal älter als ich. Außer den paar Kollegen, die ich auch heute noch in der Mitgliederversammlung treffe. GEMA-Bekanntschaften sind wirklich langfristig, wir kennen uns jetzt seit über 30 Jahren und die älteren Kollegen haben mir den Verteilungsplan erklärt!

Damals war die GEMA für mich wie ein alter Mann. Man war in einer KURIEN-Versammlung! Die Aufsichtsräte saßen wie die Kardinäle auf dem Podium. Es wurde über Wochenschau-Musiken diskutiert. Kur- und Bäder-Orchester waren auch irgendwie wichtig. Aber im Saal hockten diese herrlich verrückten Komponisten. Das war großartig. IST großartig!

Irgendwann wurde die GEMA für mich jünger, wahrscheinlich wurde ich einfach nur älter. Heute ist diese Verwertungsgesellschaft bestimmt kein alter Mann, sondern jünger, weiblicher, professioneller und vor allem kämpferischer.

Gerade die letzten Wochen der EU-Urheberrechtsdebatte haben gezeigt, wie klug und kompetent so eine Institution agieren kann. Wir haben es geschafft gegen die Desinformationskampagnen der größten Internetfirmen der Welt! Die EU-Richtlinie wurde angenommen und – das ist der nächste Kampf – wird in den nächsten zwei Jahren zu nationalem Recht.

Wenn die GEMA also kein alter Mann mehr ist, was soll sie dann sein? Eine smarte Betriebswirtschafterin? Ein Nerd mit Netzphantasien? Ein Intendant aus der Kulturbürokratie? Ich denke, dass sie eine Kombination aus allen, aus vielen Persönlichkeiten sein muss. So steht es auch tatsächlich im Gesetz: Im VGG, dem Verwertungsgesellschaftengesetz. Darin verankert ist die Pflicht der GEMA zum wirtschaftlichen Handeln im Interesse der Autoren und die Pflicht zur Förderung von sozialen und kulturellen Zwecken. Auch dieses Gesetz stammt aus einer EU-Richtlinie.

 

WIE IST DAS STANDING DER „JAZZER“ IN DER MUSIKBRANCHE

Als ich mit dem klassischen Kontrabass-Studium begann, war die einzige akademische Möglichkeit in Deutschland das Jazz Seminar von Manfred Schoof in Köln. Selbst das war nicht unumstritten. Die Studenten wurden gewarnt: „Jazz verdirbt dir den Ton!“ Meine Generation hat sich das Improvisieren beinahe komplett im Selbststudium  beigebracht, wollte man eine solide instrumentale Ausbildung, führte kein Weg an einem klassischen Studium vorbei.

Ich fand es immer höchst merkwürdig, dass meine virtuosen Kommilitonen keinen Ton mehr heraus brachten, wenn man ihnen die Noten vom Pult nahm. Sie konnten tatsächlich NICHTS mehr spielen!

Das hat sich geändert. Junge Jazzmusiker sind heute solide ausgebildet und klassische Musiker können improvisieren. (Natürlich nicht so gut wie die Jazzer. Das wäre … seltsam). Sowas verändert nicht nur die Interpreten, sondern auch die Komponisten. Während mein alter Musiklehrer noch davon phantasierte, wie Beethoven am Klavier „mit den Titanen gerungen hat“, gibt es heute eine viel natürlichere Haltung zum Komponieren. Viele sind laut fluchend von ihrem Elfenbeinturm herunter geklettert und das ist auch gut so. Komponieren ist eine Spezialbegabung, kein göttlicher Auftrag, sonst wäre die Kirchenmusik in einem besseren Zustand. Genau diese Haltung hatte der Jazz schon immer.

 

WAS WÜNSCHEN SIE SICH AM WELTTAG DES JAZZ GANZ PERSÖNLICH FÜR DIE JAZZMUSIK?

Mehr Spielmöglichkeiten. Anstatt einen DJ zu engagieren, könnte man es doch mal mit einer Band versuchen! Inspirierte biologische statt mechanische Musikwiedergabe! Und dabei kann die GEMA helfen: Es ist immer noch zu kompliziert – besonders für einen nicht hauptberuflich tätigen Veranstalter – ein Konzert anzumelden. Man kann auch über Unterstützungen für Bands/Komponisten/Veranstalter/Saalbesitzer nachdenken. Alle Beteiligten sollten zusammen arbeiten anstatt gegeneinander zu polemisieren. Wenn das mal klappt, wird es extrem spannend!

 

 

Vielen Dank für das tolle Interview!

 

 

Biographie:

Jochen Schmidt-Hambrock ist 1955 in Wuppertal geboren und hat bis 1981 Kontrabass an der Musikhochschule Köln studiert. Er ist Komponist und Dirigent von Filmmusiken - für z.B. den Oscar-prämierten Nirgendwo in Afrika und den Oscarnominierten Jenseits der Stille, Pettersson und Findus, Pünktchen und Anton sowie mehr als 150 weitere Fernsehspiele, Kino- und Dokumentarfilme. Schmidt-Hambrock ist außerdem Bassist für Neue Musik und Jazz und war langjähriges Mitglied von Klaus Doldingers Band Passport. Es folgten Auftritte mit Friedrich Gulda, Manfred Schoof, Brian Auger und Billy Cobham als auch Soloauftritte bei Konzerten weltweit z.B. in der Carnegie Hall unter Michael Gielen mit Musik von Bernd Alois Zimmermann. Jochen Schmidt-Hambrock ist seit 2015 Aufsichtsrat der GEMA.

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